[Rezension]: Birk Meinhardt – Brüder und Schwestern (Die Jahre 1973 bis 1989)

Wie ein Buch zum anderen führt

Vor 3 Jahren hatte ich das Buch „Oder Florida“ im Zuge des Debütpreises (ein Preis, der durch den Blog „Das Debüt“ ausgelobt und organisiert wird) gelesen und mit dem Autor Christian Bangel auch ein Interview zu diesem Buch geführt. Bei unseren Emails hat er mir dann noch ein paar Lesetipps mit auf den Weg gegeben, die auch ihm für die Recherche dienten beziehungsweise Inspiration waren, sein Buch zu schreiben. So kamen wir auf den Namen Birk Meinhardt zu sprechen, der in den Neunziger Jahren einige interessante Artikel über den Osten und das Problem mit den Neonazis beziehungsweise den aufkommenden Neuen Rechten geschrieben hat. Und bei meiner eigenen Recherche bin ich dann bei dem Zweiteiler „Brüder und Schwestern“ hängen geblieben, das mich seit dieser Zeit nicht mehr losgelassen hat. Nun habe ich den ersten Teil dieser Familiensaga gelesen und möchte euch ein klein wenig daran teilhaben lassen. Es war ein teilweise mühsamer Weg, sich durch diesen 700 Seiten langen Ziegel zu lesen, da es von der Sprache, aber auch von der Art, wie alles erzählt wird, etwas ungewöhnlich gestaltet ist. Doch auch seine erhellenden Momente hat dieses Buch und ist gespickt mit einigen Wiedererkennungsmomenten oder auch Momenten der Erinnerung an das, was meine Eltern so aus ihrer Zeit erzählten. Doch worum geht es genau?

Eine Familie im Osten zwischen Eigenständigkeit und Staats(ange)hörigkeit

Im gesamten Roman dreht sich alles um die Familie Werchow und den Bekannten und Verwandten aus dem Dunstkreis dieser Famile, die allesamt in einem (fiktiven?) Gerberstadt in Thüringen wohnen. Da ist Willy, das Familienoberhaupt der Familie und Leiter einer Druckerei. Seine Frau Ruth, die ihm immer wieder zu Hause den Rücken frei hält, dafür aber ihr Eheleben recht flach liegt. Und die drei Kinder Britta,  Erik und Matti, die zu Beginn des Romans noch zur Schule gehen, und alle drei ihre ganz eigenen Probleme zu bewältigen haben. Der Einstieg in die Geschichte beginnt mit der Beerdigung des Vaters von Willy und den ersten Konfliktherden, die innerhalb der Familie aufgezeigt werden. Da ist zum Beispiel ein Onkel, der in den Westen abgehauen ist und bei dieser Beerdigung den großen Max herauskehrt. Oder die Kinder, die an der Schule zunehmend durch den politischen Diskurs, der während der DDR-Zeit herrschte, mit einigen Lehrkräften in Konflikt geraten, mit gravierenden Folgen. So ziehen sich die kleinen und die großen Scharmützel über die Jahre dahin und diese tragen die Familie bis in den Wendeherbst des Jahres 1989. Zu diesem Zeitpunkt endet der erste Teil dieses Romanzweiteilers.
Doch in den Jahren, die Birk Meinhardt uns präsentiert, wird eine Menge passieren. Da wird die große und die kleine Politik aufgefahren, aber auch private Geschichten aufs Papier gebracht, ganz wie es sich für eine große Familiensaga gehört. Das fängt bei Willy an, der zu Hause und auf Arbeit eigentlich nichts zu befürchten hat. Alles scheint wie am Schnürchen zu laufen. Aber er hat schon längere Zeit eine Affäre in Berlin und auch auf Arbeit wird der Einfluss der Partei immer größer, was Willy immer mehr zermürbt und zwischen die Fronten stellt. Seine Frau Ruth, die eine liebe Seele ist, bekommt irgendwann Wind von der ganzen Sache mit der anderen Frau und fällt in tiefe Depressionen. Und die Kinder? Auch da spielt einmal der Parteiapparat kräftig mit rein, indem zum Beispiel Britta wegen eines staatsverunglimpfenden Gedichts von der Schule verwiesen wird. Aber auch die Brüder Matti und Erik fechten erst untereinander einen Disput aus, als die Stasi bei Erik vorstellig wird und ihn mit seiner Schwester erpresst, damit er sein Studium beenden darf, was ihm Matti aber sehr lange nachträgt. Und vieles mehr. Daraus ergibt sich ein sehr buntes Bild einer Familie und ihrem Leben innerhalb der Grenzen der DDR. Viele Seitenstränge werden dabei ebenfalls angerissen, viele Andeutungen untergebracht, die das Leben in der damaligen DDR recht lebendig wiedergeben.

Eine lehrreiche, aber schwer zu lesende Lektüre

Ich habe die DDR 8 zarte Jahre lang miterlebt (und zwar ganz exakt, da Neujahrskind) und sogar bei der FDJ,„durfte“ ich zwei Jahre dabei sein (immerhin das blaue Halstuch war noch drin). Die Erinnerungen an diesen Staat und die ganze Zeit sind jedoch nur noch sehr verschwommen vorhanden. Meist ergeht es mir zum Beispiel so, wenn ich einen bestimmten Geruch wahrnehme, dass er mich sofort wieder in den HO (eine Art Tante Emma Laden beziehungsweise der Einkaufsladen) zurück entführt, der bei uns im selben Haus mit dem Fleischer untergebracht war. Meistens sind es eben nur diese Gerüche, die die Erinnerungen bruchstückhaft wieder aufleben lassen. Doch wie das Leben nun so war in dieser Zeit könnte ich nicht wiedergeben. Ich weiß nur eins, die Kindheit war für mich persönlich angenehm, auch wenn ich Samstags noch zur Schule musste und im Unterricht noch der gute alte preußische Drill vorherrschte (aber auch diesen habe ich sicher verdrängt und erinnere mich nur noch in positiver Weise an diese Grundschulzeit – wenn überhaupt). Wenn ich dann die Möglichkeit besitze, über Bücher wie die von Birk Meinhardt in diese für mich dann doch unbekannte Zeit reisen zu können, dann nehme ich das gerne wahr.
Dabei habe ich ein vielschichtiges Werk gelesen, bei dem viele Themen angerissen werden, die allesamt bei der Familie Werchow gebündelt sind. Da ist der Dienst bei NVA, der nur von kurzer Dauer ist und damit auch nur eine kurze Episode im Buch darstellt, aber schon so viele Andeutungen beinhaltet, die fast alle mit dem übereinstimmen, was mein Vater und seine Kumpels mir über diese Zeit erzählten, um mir da ein bisschen zu sagen, wie lasch doch der Grundwehrdienst der Bundeswehr im Gegensatz dazu war. Auch der zivile Ungehorsam und dessen Folgen werden behandelt. Da Britta ein sehr eindeutig antisozialistisches Gedicht an sehr prominenter Stelle platzierte, war es mit ihrer Schulkarriere aus und sie suchte sich eine Alternative ohne Schulabschluss und findet diesen im Zirkus. Doch dieser Akt der Selbstverwirklichung hat Folgen für das gesamte Familiengefüge, denn der Staat beziehungsweise die Stasi vergisst nie etwas und kramt diese Geschichten dann wieder aus, wenn es ihr zweckdienlich erscheint. All diese kleinen und großen Geschichten spannen sich wie ein großes allumfassendes Gespinst über die Familie Werchow. Dabei werden die ganz großen politischen Geschicke gar nicht direkt erzählt, sondern vielmehr, wie die Familie sich damit auseinandersetzen musste und diese in ihrem Wirken und Handeln beeinflusst. Sei es der Ungehorsam gegenüber dem Staat oder die Erpressung seitens der Stasi oder sogar der Tausch Mensch gegen Ware. Vieles wirkt wie aus einem anderen Land erzählt, was ja auch stimmt, denn diesen Staat gibt es nun seit 30 Jahren nicht mehr. Allerdings müssen wir uns im vereinten Deutschland immer noch mit den Folgen der Wende beschäftigen. Das hängt nicht nur, aber auch damit zusammen, dass die Lebensrealität in Ost und West vollkommen anders gelagert waren. Um zu erfahren, wie es sich im Osten vielerorts bei vielen Familien zugetragen hat, kann auch gerne zu dieser fiktiven Geschichte greifen. Auch wenn einige familiäre Überspitzungen dabei sind, die überall auf der Welt passieren können, sind es vor allem die Situationen, die direkt den Staat angreifen, die dieses Lebensgefühl Ost am besten ausdrücken.
Es mag einiges überspitzt dargestellt sein in dieser Geschichte. Doch vieles, was in Brüder und Schwestern beschrieben steht, könnten meine Eltern und ihre Freunde und Bekannte mehr oder minder Bestätigen wenn ich sie danach fragen würde. Wobei sicher jeder persönlich seine eigenen Erfahrungen mit dem politischen System gemacht hat und dementsprechend gut oder schlecht über seine Zeit in der DDR erzählt. Insgesamt wurde ich gut unterhalten und konnte mich vollends in die Familie hinein versetzen. Der Erzählstil ist ein eher ungewohnter, da es zwischen zwei verschiedenen Erzählstilen hin- und herpendelt, sogar innerhalb desselben Kapitels. Mal wird von außen beschreibend auf die Situation geschaut, dann auf einmal ist man wieder mitten im Geschehen. Dieser Erzählstil lässt dieses Buch manchmal etwas zäh wirken und unterbricht immer mal wieder den Lesefluss. Wenn man sich jedoch daran gewöhnt hat, bekommt man eine richtig gute Familiengeschichte geliefert, die einen mehr und mehr zum Komplizen dieser von (Um-)Brüchen geprägten Zeit macht und die einen richtiggehend mit allen Familienmitgliedern mitfiebern lässt. Das Ende ist sowohl abgeschlossen, als auch offen, denn das politische System steht auf der Kippe, aber die familiäre Situation lässt eine Beschäftigung damit gar nicht zu. Daher wird es interessant, wie Birk Meinhardt im zweiten Teil zu dieser Familiensaga die Familie Werchow mit der Wende konfrontieren lässt und wie sie in den Neunzigern mit der Aufbruchstimmung und dem Niedergang zurechtkommen werden. Mit dem Schreibstil ist man dann schon vertraut. Somit sehe ich einem großen Werk entgegen und hoffe, dass die Erwartungen daran nicjt enttäuscht werden.

 

2 Kommentare zu „[Rezension]: Birk Meinhardt – Brüder und Schwestern (Die Jahre 1973 bis 1989)

Gib deinen ab

    1. Moin, so von Neujahrskind zu Neujahrskind,

      auf die Sache mit der FDJ und den Jungpionieren wurde ich schon an anderer Stelle hingewiesen. Wird noch korrigiert und ist wohl meinem etwas unsteten Gedächtnis geschuldet. Zumal ich es im Zuge dieser Besprechung auch nicht nochmal nachgeschlagen habe.

      Deinem link schaue ich mir noch an und leite mir Inspiration für zukünftige Lektüren ab. Da die DDR für mich wirklich nur ferne, unzuverlässig Erinnerung ist, kann ich wenigstens über die Literatur ein bisschen was dazu an Erfahrung einholen.

      Viele Grüße

      Gefällt mir

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