[Rezension]: Volker Kutscher- Der stumme Tod

Buch und Serie haben kaum noch Gemeinsamkeiten

In der Besprechung zum ersten Buch habe ich geschrieben, dass ich die Reihe um den Kommissar Gereon Rath und die Berliner Mordkommission lange Zeit nicht wahrgenommen habe und der Erfolg der Serie Babylon Berlin hat mich dann eher abgeschreckt, denn motiviert, die Bücher zu lesen. Doch mit der dritten Staffel und dem ersten Buch war das Eis gebrochen. Nun habe ich den zweiten Band wie in einem Rausch gelesen und werde bei diesem Tempo bis Ende des Jahres zum neuesten Buch, welches letzten Herbst erschienen ist, aufgeschlossen haben. Doch eines ist gewiss, wenn man Serie und Buchreihe betrachtet. Sie gehen beide sehr unterschiedliche Wege. Waren zwischen Band 1 und Staffel 1 + 2 noch einige Gemeinsamkeiten vorhanden, so sind diese zwischen Band 2 „Der stumme Tod“ und der dritten Staffel nur noch marginal vorhanden. Wenn man es genau betrachtet, bedienen sich die Macher der Serie einiger Elemente aus dem Buch und pflanzen diese vollkommen anders in die Serie ein. Mancher Kniff in der Geschichte ergibt nun überhaupt keinen Sinn mehr und konterkariert viele Fäden, die im Buch gelegt wurden. Und trotzdem ist die Serie nicht schlecht geraten, nur eben komplett anders als das Buch. Daher macht ab hier ein Vergleich zwischen beiden Formaten kaum noch Sinn und ich werde mich in dieser Besprechung nur auf die Bewertung des Buches konzentrieren.

Die Filmbranche ist bissig

Der Tod einer Schauspielerin bringt Gereon Rath auf den Plan, wobei das eher ungewollt geschieht. Denn während der Chef der Berliner Mordkommission in Düsseldorf verweilt, ist Böhm der direkte Weisungsbefugte für Rath und diese zwei Männer können sich seit dem Dienstbeginn von Rath in Berlin für den Tod nicht ausstehen. Daher gibt ihm Böhm gefühlt immer nur unbeliebte Aufgaben. Doch Rath wittert mit dem Tod während der laufenden Dreharbeiten Morgenluft, da dieser Fall zwar anfänglich wie ein Arbeitsunfall mit tödlicher Folge aussieht, aber Raths Spürnase sagt ihm, dass das nicht der Fall ist, was sich recht schnell bestätigt. Durch eine eilends einberufene Pressekonferenz seitens der Filmproduzenten zu diesem vermeintlichen Unfall stehen Rath und Kollegen wie die begossenen Pudel da und ihre Aufmerksamkeit wird auf einen Zwist zwischen zwei rivalisierenden Studios und denen gelenkt, die diese Filmstudios leiten. Als aber eine zweite Leiche auftaucht, wird schnell klar, dass hier etwas Größeres im Hintergrund geschieht und Rath steckt mittendrin, da er an vielen Fronten auf eigene Faust ermittelt und seine Kollegen nicht einweiht.

Dreckiges, mondänes Berlin

War es im ersten Band schon ein Genuss, Gereon Rath in das mondäne Moloch Berlin zu folgen, so ist man in diesem zweiten Teil erst recht bereit, es wieder zu tun. Zirka ein Jahr ist seit den Ereignissen aus dem ersten Buch vergangen. Sie wirken nur noch wie eine ferne Vergangenheit und doch holen sie Gereon stellenweise wieder ein. Gereon Rath und Charlotte gehen sich mittlerweile aus dem Weg, da sich Gereon am Ende vom ersten Teil Vorteile verschafft hat und dies hat ihm Charlotte nicht verziehen.

Der zweite Teil ist immer der schwerste sagt man und Volker Kutscher gelingt der Spagat wunderbar, die Geschichte aus dem ersten Teil gut fortzusetzen und dem zweiten Auftritt aller Figuren trotzdem etwas eigenständiges zu geben, so dass man diesen zweiten Teil noch wunderbar unabhängig vom ersten Band lesen kann. Das Setting passt wieder zum Fall und als Leser*in kann man sich wunderbar in das mondäne Berlin zu Beginn der 1930er Jahre hineinversetzen. Die Stimmung in dieser Stadt ist zwar immer noch ausgelassen, was man vor allem in dem Setting der Filmbranche merkt, denn dort herrscht mit der Einführung des Tonfilms Aufbruchstimmung. Doch dunkle Wolken ziehen schon zart am Himmel auf, die in diesem zweiten Band aber nur am Rande erwähnt werden. Allerdings merkt man schon, dass etwas im Busch ist und das die historischen Ereignisse auch den Kommissar und seine Kolleg*innen bald einholen werden.

Wie eingangs schon erwähnt macht ein Vergleich zur Serie (die dritte Staffel basiert nur noch lose auf dem Buch) wenig Sinn. Vielmehr kann man sich völlig unschuldig ins Vergnügen stürzen und dieses Buch „genießen“, da man selbst in der Kenntnis der Serie unbekanntes Terrain betritt. Aber ein Wort zur Serie muss an dieser Stelle trotz allem sein, denn wenn man Vorlage und Umsetzung miteinander vergleicht, dann ist da ein sehr seltsames filmisches Werk entstanden, das zwar Nuancen des Plots aus dem Buch enthält, aber mehr auch nicht. Die Stimmung aus dem Buch wurde hier vollkommen außer Acht gelassen und man ging in der Serie gleich auf volle Pulle „Nazis auf dem Vormarsch“. Ebenso der Umstand, dass man sich in den ersten beiden Staffeln einen wahnsinnigen Großindustriellensohn herangezüchtet hat, der von Lars Eidinger zwar großartig gespielt wird, aber völlig redundant wirkte und nun eine immer größere Rolle einnimmt, die er im Buch gar nicht hat, weil es ihn dort schlicht nicht gibt. Daher finde ich die Umsetzung mehr als schlecht. Als eigenständige Serie dagegen, die auf den Ereignissen aus den vorhergehenden Staffeln fußt, dagegen gut.
Daher werde ich ab dem dritten Band, sofern da schon eine neue Staffel von Babylon Berlin erschienen ist, auf einen Vergleich vollkommen verzichten und nur noch das Buch in Betracht ziehen. Was bleibt ist ein erneut spannendes Buch mit vertrauten Figuren, die weiter wachsen dürfen, die trotz aller glorreichen Erfolge, die sie einfahren, fehlbar sind und an genau diesen Fehlern wachsen. Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf den dritten Band und bin sehr gespannt, in welche Tiefen der Berliner (Unter-) Welt Volker Kutscher seine Figuren diesmal jagen wird.  

 

Ein Kommentar zu „[Rezension]: Volker Kutscher- Der stumme Tod

Gib deinen ab

  1. Also die ersten beiden Staffeln waren schon ziemlich schlecht. Endlosfilme ohne innere Struktur der Episoden, beinahe wahllos zerhackt, vor allem von Effekthascherei getrieben. Staffel 3 war wirklich ein deutlicher Schritt nach vorn.
    Die Qualität der Bücher hat mich auch überrascht, zumal die Reihe eine der seltenen ist, die im Verlauf tendenziell besser wird.

    Gefällt 1 Person

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