[Rezension]: Mirna Funk – Winternähe

Auf der Suche nach dem eigenen Ich

Lola hat eine Gerichtsverhandlung, bei der sie als Zeugin und Anklägerin dabei ist. Der Fall der verhandelt wird, spielt den alltäglichen Rassismus durch, den sich Personen wie Lola immer wieder ausgesetzt sehen. Sie ist Jüdin beziehungsweise jüdischer Abstammung, denn ihr Vater und seine Linie haben ihr diese Identität mitgegeben während ihre Mutter eine Deutsche ist. Doch welche dieser Identitäten ist die ihre? Mirna Funk hat mit „Winternähe“ einen faszinierenden Roman über ebenjene Suche nach Identität geschrieben, aber noch so viel mehr da rein gepackt, dass ich mit meiner bescheidenen Meinung dem gar nicht gerecht werden kann, schon gar nicht, wenn es um das Thema Nahost-Konflikt geht, den die Autorin so harmonisch in die Geschichte eingebettet hat, dass man allein schon beim Lesen dieses Romans so viele Facetten von dieser langlebigen Auseinandersetzung mitbekommt und sofort Lust hat, sich um einiges intensiver damit auseinander zu setzen. Das dieses Buch so lange an mir vorbei gegangen ist, ist schon fast peinlich, aber nun konnte ich es dank einer Leserunde bei Instagram nachholen und bin vollauf begeistert. Für mich in diesem Jahr definitiv ein Lesehighlight und ich gehe sogar so weit, dass es vom Fleck weg ein Leselebenshighlight geworden ist. Sozusagen ein Buch, das ich sicher noch ein zweites Mal lesen werde.

Mit Frust in eine unbekannte Zukunft

Als wir als Leser*innen Lola kennenlernen wirkt sie leicht unangepasst, tut Dinge, die ihr manchmal den Weg versperren für eine bestimmte Zukunft. Doch will sie das überhaupt? So beginnt alles mit einer Gerichtsverhandlung bei der es darum geht, das zwei Kolleg*innen auf einer Firmenfeier auf einen Ausdruck von ihrem Bild ein Hitlerbärtchen und die typische Frisur gemalt haben, davor posierten und das Ganze in den sozialen Netzwerken teilten. Doch ist dieser Prozess nur ein Auftakt für etwas, was in Lola ausgelöst wird und sie von Berlin nach Tel Aviv und Bangkok führen wird. Sie wird lieben und geliebt werden und muss ihren ganz eigenen Weg gehen, um zu sich selbst zu finden. Dabei kommen auch schmerzliche Dinge aus der Vergangenheit der Familie ans Tageslicht, die Lola wachsen lassen und sie am Ende als völlig anderen Menschen herauskommen lassen. Und da ist die Gerichtsverhandlung und das, warum es dazu kam, nur noch ein ferner, kaum wahrnehmbarer Schweif am vergangenen Horizont der Lebenserfahrung.

Politik und Familie gehen Hand in Hand

Dieses Buch kurz zusammenzufassen ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Es steckt so viel darin, dass es gar nicht ausreicht, alles in eine Besprechung zu packen. Zum einen wäre da die Person, um die sich alles dreht – Lola. Sie wird so nah beschrieben, dass sie einem anfangs mit ihrem Auftreten etwas auf die Nerven geht.  Sie wirkt sehr direkt und spricht die Dinge auch an, die ihr so richtig auf die Nerven gehen. Jedoch kommt man ihren Wesenszügen beim Lesen immer näher und verseht so manche Auflehnungen immer besser. Es wird ihr und uns Lesenden aber auch nicht einfach gemacht mit dem Alltagsrassismus und dem offen vorgetragenen Antisemitismus, den man in Deutschland im 21.Jahrhundert eigentlich schon zu Grabe getragen glaubte. Doch Lola bekommt aufgrund der Situation mit dem Foto und der öffentlichen Darstellung des Ganzen die volle Breitseite davon ab, im Privaten und auch bei ihrer Arbeit, worauf sie dort kündigt und versucht, in der Selbstständigkeit einen Neuanfang zu wagen. Das gelingt ihr sogar mit ein wenig Glück und Geschick recht gut. Und doch schwelt etwas in ihr, eine Art Unruhe, die aus der Vergangenheit mir ihrer Familie herrührt, die durch das Jüdische und ab einem gewissen Punkt in ihrem Leben der Abwesenheit beider Elternteile geprägt wurde. Das alles spiegelt sich in Lola.

Die Autorin Mirna Funk versteht es dabei, alle Seiten geschickt unterzubringen ohne das es aufdringlich wirkt. Eine Eigenschaft von diesem Roman, der im weiteren Verlauf öfter noch zum Tragen kommt, was mich vor allem beim zweiten Abschnitt, der in Tel Aviv spielt, besonders fasziniert hat. Dort geht es vor allem die große Politik im Nahost- Konflikt zwischen Jerusalem und Palästina. Lola gerät mitten hinein in einen der vielen Konflikte, die in dieser Region immer wieder aufkommen und das wird von der Autorin mit Wucht übertragen. Dabei spart sie auch nicht mit politischen Statements, die beide Seiten richtig gut widerspiegeln. Wunderbar gelingt es ihr, keine Meinung überhand nehmen zu lassen. Sie nimmt keine Wertung über ihre Figuren vor, sondern lässt alles so für sich stehen und lässt uns Leser*innen unsere eigene Meinung bilden. Dabei ist es aber nicht so, dass die Figuren keine eigene Meinung haben, allerdings wird hier keine Position gegen die andere ausgespielt und das macht diesen Abschnitt so faszinierend zu lesen.

Aber auch der dritte große Abschnitt des Buches hält eine Aufgabe für Lola bereit, denn sie will einen Schritt auf ihren Vater zugehen, der sie seit vielen Jahren ignoriert und was stark auf ihrer Seele lastet. Ebenfalls trägt sie seit Tel Aviv ein Geheimnis der Familie in sich, was sie gerne mit ihm teilen möchte. Doch ist das auch gut für alle Beteiligten? Und möchte ihr Vater überhaupt den Kontakt? Das alles Word zwar auf eine gewisse Weise geklärt und bleibt doch offen. So kann wird man aus diesem Buch entlassen, mit einer mehr als gereiften Lola, die zwar immer noch nicht richtig weiß, wo sie sich verorten kann und trotz allem bin mehr Perspektiven besitzt, als sie zu Beginn des Geschichte hatte.

Neben den persönlichen Geschichten der Figuren sind such die drei Schauplätze ein großes Highlight des Buches. Wie die Autorin die Städte Berlin, Tel Aviv und Bangkok beschreibt, lässt die sofort vor meinem geistigen Auge auftauchen und miterleben. Besonders Tel Aviv sticht hier hervor mit seiner vibrierenden Lebenslust trotz der ständigen Gefahr,die durch Anschläge und Raketenangriffe droht. Daneben wirken Berlin und Bangkok wie die pure Erholung, obwohl auch diese zwei Metropolen ihre Stressfsktiren inne haben, sowohl allgemein als such für Lola persönlich.

Ein unerwartetes Lesehighlight

Dieses Buch kam auf einem etwas verschlungenen Pfad zu mir. Seit erscheinen muss es mir zumindest ab und zu über den Weg gelaufen sein, allerdings nur am Rande und ich habe es bisher nie für mich in den Fokus genommen. Doch als das neue Buch der Autorin im Frühjahr erschien und Florian Valerius auf Instagram ebenfalls von ihrem Debüt schwärmte machte es bei mir das erste Mal Klick. Das zweite Mal, als es bei einem Lesekreis auf Instagram auserwählt wurde. Das habe ich als Zeichen verstanden und mir dieses Buch zwischen all die anderen geschoben, die ich für diese Wochen geplant habe. Was soll ich sagen, der Text oben spricht eigentlich schon Bände, aber hier möchte ich das noch einmal bekräftigen, dass diese Geschichte, dieser Roman einfach nur richtig gut ist. Als Debüt, literarisch und in der Präsentation der Themen, einfach in seiner Gesamtheit. So gut sogar, dass dieses Buch auf Anhieb in meine persönlichen Hall of Beste Bücher landet, also diejenigen, die ich mir für immer aufheben werde, um sie nicht nur im Herzen mit mir herumzutragen.

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