[Projekt Stephen King]: Skeleton Crew

Auch ein Meister der Kurzen Geschichten 

Auch wenn ich mich während dem Projekt, alle Bücher von Stephen King chronologisch zu lesen, öfter wiederholen werde, so muss ich die folgende Aussage sicher noch öfter tätigen. Denn es hält sich bei vielen, die Stephen King vielleicht früher mal gelesen haben oder sogar nur vom Hörensagen kennen, immer noch hartnäckig, dass man sofort einen fetten Wälzer von 700 und mehr Seiten vor sich hat. Diese Art zu schreiben, ausschweifend, detailliert, umfangreich, ist sicher sein Spezialgebiet, da er sich in den Romanen richtig austoben kann. Doch das ist nur die halbe Wahrheit über sein Schreiben, da einige seiner besten Geschichten die Kurzen sind. Sind schon seine Novellen ein wahrer Quell an Erzählkraft, so können auch einige seiner Kurzgeschichten an diese These anschließen. In seiner halben Biografie „Das Leben und das Schreiben“ hat er sinngemäß geschrieben, dass es ihm generell schwerer fällt die kurzen Geschichten zu schreiben, da er sich kürzer fassen muss und trotzdem Spannung erzeugen, kann aber nicht so tiefgründig werden, wie bei seinen Romanen. Und doch gelingt es ihm immer wieder, auch bei den Kurzgeschichten Figuren zu kreieren, die im Gedächtnis bleiben oder die einen zumindest zeitweise sehr nah vor Augen stehen. Bei allen Büchern, die ich bisher bei meinem Lesemarathon gelesen habe, ist Skeleton Crew schon der zweite Band, der eine Sammlung seiner Kurzgeschichten beinhaltet. Hier sind es 19 an der Zahl (eine Nummer, die uns in seinem Schaffen noch öfter begegnen wird; Stichwort „Alles ist 19“, was er irgendwann in der Saga um den Dunklen Turm aufgreifen wird) und sie zeigen auf, wie vielfältig dieser Autor unterwegs war und immer noch ist.

Herein ins Horrorkabinett des Grauens

Dabei fährt der Meister des Horror wieder alle Spielarten des Genres auf, die einem in den Sinn kommen. Von Monsterhorror, über Thriller und Gruselgeschichten hin zu Science-Fiction und sogar Kannibalismus sind vertreten. Allesamt sehr nervenzerfetzend, animieren diese zum Nägelkauen. Eingeleitet wird diese Sammlung durch die Geschichte Der Nebel, die auch durch die Verfilmung aus den 2000er Jahren bekannt sein dürfte. Die Verfilmung hält sich bis auf das Ende an die Vorlage, wobei vor allem das Filmende einen typischen Schockmoment erzeugt, der auch von Stephen King persönlich hätte stammen können. Doch auch so ist der Start in die Sammlung mit dieser Novelle gelungen. In dieser wird ein Dorf von einem seltsamen, dichten Nebel umhüllt. In dieser undurchdringlichen Wand scheinen Wesen unvorstellbaren Grauens zu hausen. Spinnenartige Tiere, irgendwas, das wie ein Oktopus aussieht, großes und kleines Getier, viele insektenähnliche Wesen, aber weitaus tödlicher. In einem Supermarkt haben sich einige Menschen verschanzen können, als der Nebel eintrifft. Unter ihnen auch David Drayton mit seinem Sohn. Sie versuchen, einen Weg aus dieser Misere zu finden. Ob es Ihnen gelingen wird?
In der weiteren Folge lernen wir einen Affen kennen, der aus der Hölle zu kommen scheint und immer wieder einen Weg findet, aufzutauchen und seinen Besitzer zu quälen. Außerdem kennt eine Dame die kurzen Wege, strandet ein Drogendealer auf einer einsamen Insel und isst sich in Folge des Hungers selbst auf, müssen vier Jugendliche auf einer Schwimmplattform auf einem See gegen ein galertartiges Wesen ums Überleben kämpfen (Eine fette Anspielung auf „Der Blob“), werden Reisen über Portale Wirklichkeit die jedoch eine sehr heimtückische Nebenwirkung haben und wir lernen kleine Leute kennen, die in Schreibmaschinen wohnen und deren Besitzer in den Wahnsinn treiben (hat Hakuri Murakami hier seine Inspiration für die Little People aus „1q84“ her?) und viele andere mehr. Keine der Geschichten gleicht der anderen und doch haben sie alle eines gemeinsam: Sie tragen den eindeutigen Stempel eines Stephen King.

Kleine Identifikation mit den Figuren und großer Ideenreichtum

Ich mag an Stephen King und seinen umfangreichen Romanen (zum Beispiel bei ES und The Stand kommt das sehr deutlich zum Tragen) wie detailliert der Autor seine Figuren und die komplexen Situationen beziehungsweise Beziehungen der einzelnen Charaktere untereinander aufbaut, beschreibt, verknüpft und wieder zerbrechen oder diese an der Situation wachsen lässt. Das sind alles Faktoren, die ich an seinen Werken mittlerweile sehr schätze und die mich jedes Mal in seine Romane eintauchen lassen wie bei keinem Autor sonst. Doch würde ich diese fetten Bücher heutzutage niemanden mehr als Einstieg ans Herz legen. Vielmehr würde ich denen raten, die mit Stephen King beginnen wollen, es erst einmal langsam angehen zu lassen. Dazu sind entweder seine Novellen geeignet oder auch die Kurzgeschichten. Wer weiß, wie ich mit Stephen King verwachsen wäre, hätte ich mit den Kurzgeschichten begonnen. Anfangs mochte ich die kurzen Sachen von ihm nicht so, doch seit der Sammlung „Zwischen Nacht und Dunkel“ war es um mich geschehen und beide Stile, sowohl das umfangreiche, als auch das knackig kurze, mag ich gleichermaßen.
Auch hier sind nun insgesamt 19 Geschichten versammelt, die mich fast alle begeistern konnten. Die richtigen Kürzestgeschichten liegen Stephen King nicht, sprich alles, was unter sagen wir 20 Seiten bleibt, um mal einen groben Richtwert zu nennen. Alles darüber hinaus weiß zu begeistern. Dafür muss man aber Abstriche gegenüber dem machen, was seine Romane auszeichnet. Die Figurenzeichnung ist ziemlich knackig geraten bis manchmal gar nicht vorhanden, dafür steigt man sofort in die Geschichte ein, steckt mittendrin und kann von Beginn an mitfiebern. Das macht diese Kurzgeschichten so intensiv und spannend. Dabei ist nicht immer der Horror maßgebend, denn King bedient hier viele Spielarten, die sogar einen Mafiathriller beinhalten, bei der es zu einer deftigen Schießerei kommt. Außerdem geht nicht immer so ekelig zu, wie bei der Kanibalengeschichte, die einen sogar schüttelt, wenn man weiß, was da kommt. Vielmehr ist diese Sammlung sogar recht ausgeglichen, was brutalen Horror und eher leisen Nervenkitzel angeht. Insgesamt erzeugen so ziemlich alle Geschichten in dieser Sammlung eine Gänsehaut, lassen einen erschaudern und erzeugen manchmal ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Wer also die Schreibweise von Stephen King kennenlernen möchte, um dann vielleicht seine großen Romane kennenzulernen, ist bei dieser Kurzgeschichtensammlung (und natürlich auch bei der ersten Sammlung „Nachtschicht“ an der richtigen Adresse).

Weitere Rezensionen findet ihr bei:

Ein Kommentar zu „[Projekt Stephen King]: Skeleton Crew

Gib deinen ab

  1. Hallo Marc,

    diese Kurzgeschichtensammlung hatte ich tatsächlich noch gar nicht auf dem Schirm. Ich bevorzuge ja Kings Romane mit ihrer ausschweifenden Art und den komplexen, ausgefeilten Geschichten. Seine Kurzgeschichten bleiben mir im Vergleich dazu oft zu oberflächlich. Es gibt nur wenige Kurzgeschichten und Novellen, die mich richtig überzeugen konnten – dafür hallen die dann auch länger nach (z.B. „1922“).

    In dieser Sammlung scheinen aber wirklich gute Stories gebündelt worden zu sein. Danke für deine Eindrücke!

    Viele Grüße
    Kathrin

    Gefällt 1 Person

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