[Rezension]: Hannes Köhler – Götterfunken

Eine europäische Geschichte

Das erste Mal ist mir Hannes Köhler als Autor bewusst aufgefallen, als er sein zweites Buch „Ein mögliches Leben“ veröffentlicht hat. In diesem Buch behandelte er die Geschichte eines Kriegsgefangenen in den USA und wie es den Deutschen dort ergangen ist in den letzten Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs und danach. Dieses Buch war in meinen Augen fantastisch recherchiert, was der Autor dann in einem Interview mit mir quasi auch bestätigt hat (Link zur Rezension findet ihr hier und zum Interview hier). Seitdem wartete ich mit Spannung auf das neue Buch von ihm, was er damals schon begonnen hat und nun endlich nach drei Jahren das Licht der Welt erblickt. Und wie gut das geworden ist, davon wollte ich mich gleich als einer der ersten überzeugen. Wie gut ist es geworden? Und merkt man dem Autor Hannes Köhler eine Wandlung im Schreiben an? Darauf möchte ich in dieser Besprechung näher eingehen und dabei euch das Buch etwas näher vorstellen. Eines schicke ich schonmal vorweg und setze damit auch die Duftmarke für diesen Beitrag. Ich finde es jammerschade, dass Hannes mit diesem Buch erneut beim Deutschen Buchpreis nicht berücksichtigt wurde, denn er hat es inhaltlich und sprachlich auf ein Neues geschafft, ein fesselndes, vielschichtiges Buch zu schreiben und dabei noch ein wenig (spanische) Geschichte mit unterzubringen. Doch ich greife vor.

Anarchie und wie man seine Ideale im Lauf der Zeit bewahrt

Spanien in den Siebziger Jahren ist immer noch in fester Hand des Franco-Regimes. Es herrscht eine aufgeladene Stimmung vor und viele landen aufgrund ihrer politischen Gesinnung im Gefängnis. In dieser Zeit plant Toni mit einer kleinen Gruppe, der auch der Franzose Germain und Jürgen der Alemán angehören, einen Anschlag auf ein Kaufhaus. Zu den Planungen stößt der Deutsche erst später hinzu, aber er gibt entscheidende Impulse, um alles in die Tat umzuzusetzen. Der Anschlag gelingt, doch irgendjemand muss Verrat begangen haben, denn als Toni zu seiner Wohnung kommt, wird er als einziger aus der Gruppe verhaftet und muss Jahre seines Lebens als politscher Gefangener hinter Gittern verbringen.
Jahrzehnte später. Aus den jungen, idealistischen Männern sind alte, immer noch idealistische Männer geworden und Toni trifft auf der Hochzeit seiner Tochter durch Zufall wieder auf den Deutschen und all die Emotionen, die sich bei Toni um den Verrat drehten und letztendlich auch seine Ehe mit Mireira zerstörten, die ebenfalls der Gruppe angehörte, kochten wieder hoch. Toni gab Jürgen die Schuld an dem Verrat, denn er war der Einzige, der nach dem Anschlag spurlos verschwunden war und keiner wusste, wohin. Doch nun konnte Toni wieder seine Gedanken kreisen lassen und vielleicht sogar diesen Jürgen aufsuchen. Die Adresse seiner Firma, die im Softwarebereich große Firmen berät, hat er bereits. Doch bei einem Besuch rät ihm Germain, zu dem der Kontakt nie ganz abgerissen ist, es ruhen zu lassen, da es nicht der Alemán ist, den Toni da im Visier hat. Mit dieser Notlüge wollte ihn Germain endlich von seiner Last befreien.
Als Germain einige Zeit als Kulturkorrespondent der französischen Regierung bei der Frankfurter Buchmesse ist, kommt die Gelegenheit Jürgen aufzusuchen. Als sich beide gegenüber stehen ist Jürgen überrascht, rechnete er doch mit Toni. Er erklärt sich gegenüber Germain und versichert ihm glaubhaft, dass er nicht der Verräter ist. Doch was ist nun die Wahrheit? Wer lügt in diesem Spiel? Und wer hat die Guppe in den Siebzigern nun wirklich verraten? All das wird in diesem vielschichtigen Roman in einem grandiosen Finale aufgeklärt.

Die eine große Frage

Dieses Buch fasziniert mich ungemein, denn es ist eine politische Lektüre über eine Zeit, die ich so gar nicht in meinem Gedächtnis gespeichert habe. Und trotzdem gelingt es Hannes Köhler glaubhaft, mir diese Zeit zu vermitteln. Er verwebt in diesem Buch unterschiedliche Schauplätze und Zeiten zu einem vielschichtigen Geflecht aus diversen Biogaphien und Lebensläufen, die alle zusammen ein Ziel hatten und sich alle unterschiedlich entwickelt haben. Anfänglich beschreibt der Autor in atemlosen Kapiteln die einzelnen Szenarien, springt in den Zeiten in und her, zeigt uns erst die 70er in Spanien, ist dann auch einmal völlig losgelöst davon in Kopenhagen angelangt (diese Verbindung löse ich mal nicht auf, da sie im späteren Verlauf zwar nicht essentiell wird, aber doch nach anfänglichen Fragezeichen eine Offenbarung darstellt), geht wieder nach Spanien zurück und gelangt erneut in der Gegenwart in Frankreich an, wo wir einem älteren Mann dabei zusehen, wie er eine wichtige kulturelle Stelle in der französischen Regierung angenommen hat und das mit seinen Idealen vereinbaren muss.
Das alles verwebt Hannes in kurzen, prägnanten Sätzen zu einem einzigartigen Geflecht und bringt dann ab dem ersten Drittel mehr Ruhe hinein. Ab da kann man den einzelnen Geschehnissen besser folgen und alles besser zu- beziehungsweise einordnen. Dabei wechseln sich unterschiedlichste Szenarien miteinander ab. Da ist der junge Mann, der in Kopenhagen neben einem Bordell wohnt und vor einiger Zeit seine Freundin bei einem tragischen Unfall verloren hat oder der Gefängnisalltag von Toni und wie er sich durch diese Zeit durchkämpft beziehungsweise, was ihn durch diese Zeit rettet oder die Planungen der Gruppe oder wie die Gruppe ihre Anhänger über die Grenze schmuggelt und rekrutiert. Man wohnt alldem fasziniert bei und kann vor lauter Spannung nicht mehr aufhören mit lesen.
Und doch ist die eine große Frage nur: Wer hat Toni verraten. Und das wird bis auf das letzte Kapitel nicht aufgelöst, was dann mit dem berühmten Funken am Pulverfass endet. Denn im letzen Kapitel wird alles augeflöst und so ein rundes Ende für einen so derart gelungen verschachtelten Roman, zumindest auf zeitlicher Ebene, habe ich schon lange nicht gelesen.

Der große Knall kommt immer zum Schluss

Einige Tage vor erscheinen des neuen Romans habe ich das Debüt des Autors gelesen und sprachlich merkt man zum einen seinen Stil an, aber auch, wie groß die Fortschritte in diesem nunmehr dritten Buch von ihm geworden sind. Da spürt man förmlich die Anspannung beim Schleusen über die Grenze und zittert mit Toni im Gefängnis mit, bis er endlich begnadigt wird und fühlt ebenfalls mit dem Mann in Kopenhagen mit, obwohl man ihn anfänglich nicht zuordnen kann, was sich erst später klärt. Und mit alldem zeigt uns Hannes Köhler vor allem auf, dass auch Idealisten sich zwar weiter entwickeln können, sich anpassen (müssen), um zu überleben und doch halten sie an ihren Werten fest, manche sogar so, dass man es gar nicht merkt, bis man ganz am Ende des Buches atemlos feststellt: „Bald kommt der große Knall“.
Mir bleibt eigentlich nur noch eine Botschaft an den Autor, die ich ihm gerne ausrichte. Bitte schreibe noch mehr solcher fantastischer Bücher, Buchpreise hin oder her. Es ist erneut ein mehr als gelungenes Buch über einen Abschnitt europäischer Geschichte, den ich so nicht auf dem Schirm hatte. Unbedingte Leseempfehlung

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