[Projekt Stephen King]: ES

Der Versuch einer Nicht-Besprechung

Die Herangehensweise an das wohl bekannteste Buch von Stephen King ist bei mir mit einer langen Vorgeschichte verbunden. Und nun ist es auch das Buch, dass ich euch hier im Zuge des „Projekt Stephen King“ ein zweites Mal vorstelle. Allerdings werde ich es euch diesmal nicht noch einmal besprechen, denn das habe ich schon vor vier Jahren relativ genau getan. Wer genau wissen will, um was es in diesem Buch geht, den verweise ich zu dieser Besprechung: Hier entlang. Damals lief die Neuverfilmung zu diesem Buch erfolgreich in den Kinos und ich habe endlich einen Zugang zu diesem Buch gefunden, vor dessen Lektüre ich mich so viele Jahre gefürchtet hatte. Und das nicht, weil ich dachte, ich halte den Grusel nicht aus. Nein, vielmehr hatte ich eine unendliche Ehrfurcht davor, dass mir dieses Buch nicht gefallen könnte, denn es wäre fast das Buch geworden, mit dem ich kein Fan von Stephen King geworden wäre. Daher wird dieser Beitrag eher eine Liebeserklärung an das wohl überbordentste und wohl auch beste Buch vom Meister des Horror. (Und ich gehe einfach von einigen Grundkenntnissen zu diesem Buch aus, wenn nicht, schaut bitte in die verlinkte Besprechung).

Ein Zyklus schließt sich

Für die nun folgenden Ausführungen muss ich etwas weiter ausholen und wir springen zirka 27 Jahre zurück in das Jahr 1994, was ja auch zu dem Zyklus passt, innerhalb dem Pennywise immer wieder in dem schaurig schönen Städtchen Derry zuschlägt). Da bekam dieses Buch die bis dahin schon zweite oder dritte Luft und machte schon wieder oder immer noch die Runde durch die Jugendzimmer dieser Welt. Stephen King war für alle ein Begriff, die sich in ihren jungen Jahren so richtig gruseln wollten. Auch ich wurde irgendwann auf diesen Autor aufmerksam, da es ab einem Alter von zehn zu einer Mutprobe gehörte, Stephen King zu lesen. Insbesondere „Friedhof der Kuscheltiere“ und auch „Es“ standen da hoch im Kurs. In besagtem Jahr also, ich war zarte 12 Jahre (ebenfalls eine (fast)- Koinzidenz mit dem Alter der Kinder in dem Buch), da machte das Buch auch bei mir über verschlungene Pfade Halt. Ich weiß nur nicht mehr, ob ich es mir selbst aus der Bibliothek ausgeliehen oder ob es mir jemand einfach in die Hand gedrückt hatte und dazu meinte, ich solle das Buch unbedingt lesen, da es ein richtig krasses Buch ist und man danach richtiggehend Angst bekommt, vor allem vor Clowns. Ich machte mich an das Werk heran, war aber, um es vorsichtig auszudrücken, zu dem damaligen Zeitpunkt kein guter, kein versierter Leser. Ein bisschen Hohlbein hier, Jurrasic Park da und ab und zu mal ein paar John Sinclair-Hefte dazwischen. Diese Gruselgeschichten um den Geisterjäger, so meinte ich, sollten es mir doch erleichtern, einen Zugang zu ES zu finden. Und doch war die Ehrfurcht groß vor diesem Klotz von über 1000 Seiten Papier, die da vor einem lagen. Und was soll ich sagen, ich bin damals krachend gescheitert. Nach ungefähr 150 quälend langen Seiten habe ich aufgegeben. Ich kam mit der Art zu erzählen nicht zurecht, es war mir zu langatmig und irgendwie war es auch so geschrieben, dass ich auf den ersten Seiten wirklich Beklemmungen bekam. Ich glaube, ich habe es noch geschafft, den Selbstmord einer der Hauptfiguren, Stan Uris, mitzunehmen und danach war für mich kein Zugang mehr möglich. Ich legte das Buch beiseite und sollte es 23 Jahre nicht mehr anfassen. Es wäre fast das Ende der Beziehung zwischen mir und Stephen King gewesen und doch sollte diese Erfahrung zu etwas gut sein. Ich biss mich in seine Art zu schreiben rein und fand dann mach einem zweiten Versuch mit dem Buch „The Stand – Das letzte Gefecht“ Gefallen daran (Klick).

Ein erneuter Anlauf

Im Jahr 2017 sollte ich mich dann endlich überwinden. Eine Leserunde, die von dem Blog Leseblick  initiiert wurde (Klick), um im Zuge der Neuverfilmung das Buch in großer Runde zu lesen, gab mir endlich den Stein in die Hand, um mein „Lesetrauma“ zu zerschlagen. So kam es, dass ich den Stephen King, den ich als erstes in der Hand hielt, endlich von vorne bis hinten lesen/hören und auch genießen konnte. Und ich habe mich gefragt, warum ich erst erwachsen werden musste, um diese Kindheitserfahrung zu vollenden. Irgendwie passte es ebenfalls zu dem Zyklus in dem Buch, bei dem sich erst eine Gruppe Kinder dem ultimativ Bösen stellt, ES nur verwundet, nur um sich als Erwachsene noch einmal dem stellen zu müssen. Nach dem ersten Mal vollständig lesen vor 4 Jahren schlug das Buch bei mir ein wie eine Bombe und eroberte mein Herz im Sturm, sprich es landete bei meinen King- Alltimefavoriten gleich auf den vorderen Plätzen.

Die Herausforderung

Jetzt, vier Jahre später, stand ich vor der Herausforderung, innerhalb des Projekt Stephen King dieses Buch entweder an mir vorüberziehen zu lassen oder es noch einmal zu lesen, diesmal allerdings auf Englisch, um dem Original gleich noch ein Stückchen näher zu sein. Die beiderseitige Verlockung stand groß im Raum. Zum einen wusste ich, dass ich eine Weile brauchen werde, um dieses Buch zu lesen, da ich es diesmal richtig in mich aufsaugen wollte. Doch auch das Auslassen hatte seine Reize, würde ich doch in dieser Zeit sicher zwei oder drei Bücher weitere Bücher vollenden und meinem Ziel, alle Bücher von Stephen King chronologisch zu lesen, ein Stück näher zu bringen. Wie ihr seht, habe ich mich für die Variante „lesen“ entschieden und es trotz der fast vier Monate, die ich schlussendlich gebraucht habe, überhaupt nicht bereut. Im Gegenteil habe ich es richtiggehend genossen, jedes Mal aufs Neue in dieses Buch, diese Welt einzutauchen, die zwar einen begrenzten Raum anbot, nämlich eine Stadt, aber dort so viele Geschichten aufgeboten hat, dass es eigentlich für vier bis fünf Bücher reichen würde. Ich gebe zu, es ist an manchen Stellen ein wirklich überbordendes Buch, mit Ecken und Kanten, mit Seitenblicken in die dunkelsten Gassen, aber genau das macht diese Geschichte in meinen Augen aus, denn die Stadt selbst ist ein vollwertiger Charakter der Geschichte, da sie von dem, was unter dieser Stadt lauert, enorm beeinflusst wird, was man immer wieder im Verlauf des Buches feststellen wird.

Die Besonderheiten von diesem Buch

Doch was ist es, was dieses Buch so gut, so besonders macht? Es ist nicht unbedingt der Horror, der hier natürlich und auch sehr brutal vorkommt, auch sind es nicht die ganzen Morde, die einen schockiert zurücklassen. Das sind zumeist nur kurze Sequenzen, die einen erlauben, trotz allem dabei zu bleiben, auch wenn sie stellenweise wirklich brutal sind. Für manchen mag das nicht aushaltbar sein, dass verstehe ich vollauf. Das Buch ist wegen dem, was zwischen dem Kindsein und dem Erwachsenenalter passiert und beschrieben wird, so besonders und das transportiert Stephen King als den wahren Horror wunderbar auf die Leserschaft. Auf der einen Seite wird uns eine Gruppe Kinder an die Hand gegeben, die sich durch Zufall zusammenfinden und so eine Kraft bilden, um der Stadt und dem Grauen in ihr die Stirn zu bieten. Sie haben einen Sommer lang eine wunderbare Freundschaft, die sie durch alles Leid geleitet, was ihnen durch andere Kinder und den Erwachsenen widerfährt. Dabei entstehen nicht unbedingt ikonische Szenen, aber allein dieser Truppe beim Spielen in der Natur mitten in der Stadt zuzusehen, ist einfach traumhaft. Oft denkt man dabei an seine eigene Kindheit zurück, wie man einfach rausgegangen ist, sich mit Freunden getroffen hat, irgendwo im Wald Baumhäuser gebaut hat, vor den älteren, die einen an den Kragen wollten, davon gelaufen ist und vieles mehr. Auf der anderen Seite spricht King aber auch den Erwachsenen in uns an und wie wir uns an die Kindheit zurück erinnern. Dazu benutzt King einen großen Kniff in der Geschichte, denn allen Erwachsenen wird eine große Amnesie auferlegt, die von dem großen Bösen gesteuert ist, damit es in Ruhe seinem Werk nachgehen kann ohne gestört zu werden.

Als die Freunde als Erwachsene erneut zusammenkommen, können sie sich an nichts mehr erinnern, was ihre Freundschaft ausgemacht hat und wenn sie es sofort alles erfahren könnten, was vor 27 Jahren passierte, würden sie auf der Stelle verrückt. Und so erinnern sich alle in Häppchen an ihre Vergangenheit, als sie noch Kinder waren, passiert war und was ihre innige Freundschaft ausgemacht hat. Und genau so ergeht es einem doch als Erwachsener meist auch. Desto mehr Jahre ins Land ziehen, umso stärker überfällt uns eine Amnesie, die unsre eigene Kindheit immer mehr im Schatten des Vergessens stellt.

Wie Traumata uns prägen

Und noch etwas wird als Verbindung zwischen den Kindern und den Erwachsen gut dargestellt. Wie die Traumata der Kindheit bis weit ins Erwachsenenalter hinein wirken können und uns als Erwachsenen immer noch beeinflussen und immer wieder fragen lassen, welche Erfahrungen uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Anhand verschiedener Erfahrungen macht uns King deutlich, dass wir unserer eigenen Vergangenheit trotz allem Vergessens nicht entfliehen können und das uns diese Vergangenheit in Zyklen immer wieder einholen wird, selbst im hohen Erwachsenenalter, wenn man glaubt, all das hinter sich gelassen zu haben. Auch meine eigenen Erfahrungen aus meinem Leben spiegeln sich so wieder und ich komme nicht umhin, auch meine eigene Vergangenheit in dieses Buch zu deuten und kann stellenweise nur mit dem Kopf nicken, so bestätigt fühle ich mich durch das Geschriebene.

All das bringt King auf einem hohen psychologischem Niveau an uns als Leser*innen heran, dass man sich wirklich fragt, ob er wirklich nur ein gewöhnlicher Schriftsteller ist. Doch in meinen Augen ist es genau das, was viele an ihm unterschätzen und sicher auch in ihren Jugendjahren nicht gesehen haben. Allgemein sehen viele in ihm nur den Horrorautor, der mit Gekröse und krassen Szenen nur so um sich wirft, dass einem beim Lesen schlecht wird. Doch diese Anteile sind in seinen Büchern eher gering. Vielmehr besitzt King das Talent, in die Köpfe der Menschen zu schauen, sie hervorragend zu analysieren, und die Begabung, dass in wunderbare Worte zu kleiden, was er sieht. Manchmal gelingt ihm das weniger gut und in vielen Werken, wie bei ES, gelingt ihm das so hervorragend, dass man in diesen Büchern, wo es passiert, gefangen ist und mit glänzenden Augen seinen Ausführungen folgt. Und das ist auch der Unterschied zu meinem früheren Ich und allen, die damals in jungen Jahren Stephen King als Mutprobe gesehen haben. Er kann zwar wirklich eklige Szenen schreiben, die man wirklich überwinden muss, doch im Großteil steht dem das Analytische gegenüber und das er es auf einfache Worte so herunterbrechen kann, dass es in vielen von uns etwas sehr emotionales auslöst. Bei dem Buch ES hat er das zur Perfektion niedergeschrieben.

Wie man das Werk eines Autors völlig unterschiedlich lesen kann

Um diesen Beitrag abzurunden, der keine Besprechung im eigentlichen Sinne geworden ist, sondern vielmehr eine Anerkennung des fantastischen Schreibens von Stephen King, möchte ich einen Bogen zu meinen damaligem Versuch, dieses Buch zu lesen, und dem jetzigen zweiten Durchlauf schlagen. Damals war ich jung und suchte wie so viele andere den Kick in den Horrorszenen. Allerdings bekam ich das alles nicht in dem Maße geboten, wie ich mir das vorgestellt hatte. Insofern langweilte mich das Buch auf den ersten Abschnitten wirklich zu Tode. Und als es zur ersten heftigen Szene kam, hatte mich das Buch irgendwie schon verloren. Nun mit fast 40 lese ich das Buch selbstverständlich komplett anders, sehe Dinge, die mich als Jugendlicher gar nicht angehoben hätten. So hätte ich zum Beispiel den kompletten Part der Erwachsenen als belanglosen Rotz abgetan, der mich nichts angeht. Nun aber lese ich alle Teile mit einem anderen Auge, jeweils mit den Erfahrungen die man gemacht hat. In Bezug auf mein Lesen des Werks von Stephen King bin ich durchaus froh, dass ich recht spät mit ihm so richtig losgelegt habe und so keine jugendliche Sturm und Drang – Phase hatte und danach King vielleicht nur noch langweilig gefunden hätte. So kann ich mich mit seinen Büchern und auch speziell ES ganz anders befassen, befreiter und erfahrener als mein junges Ich. Genau das hat mich durch die Seiten getragen und mich immer wieder an die zurückliegenden Geschehnisse anknüpfen lassen, auch wenn ich das Buch mal ein paar Tage oder gar Wochen habe liegen lassen. Nach Derry zurück zu kehren ist als ob man nach Hause kommt, so kitschig das auch klingen mag. Man spürt eine Verbundenheit mit dieser Stadt und den Hauptfiguren, die ist kaum in diesen wenigen Zeilen zu beschreiben. Eigentlich kann man nur sagen, so abgedroschen sich das auch anhört, dass man entweder diesen Draht herstellen kann oder eben nicht. Passiert Zweiteres, ist das Buch nur halb so besonders, wie für mich und anderen, denen es ähnlich geht.  

Zum Glück bin ich dran geblieben

Wie bringe ich es also zu einem knackigen Abschluss? Hätte mich ES damals fast davon abgehalten, mich weiterhin mit King zu beschäftigen, so ist es dem Buch nun beim zweiten Mal (jetzt sogar vollständig und ohne Hörbuchunterstützung) gelungen auf den Thron der in meinen Augen besten Bücher von Stephen King vorzustoßen und hat sogar aktuell den Dunklen Turm vom obersten Rang verdrängt. Es mag ein überbordendes Buch sein, mit Längen, Abschweifungen und ein paar Redundanzen, aber all diese für manche wegzulassenden Kapitel bilden den Charakter des Buches und der Stadt so perfekt ab, dass ich es mir gar nicht anders geschrieben vorstellen kann, als so, wie es nun seit über 30 Jahren vor uns liegt.

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findet ihr unter anderem bei:

4 Kommentare zu „[Projekt Stephen King]: ES

Gib deinen ab

    1. Lieben Dank für diese Worte. Was ich erstaunlich an dieser Besprechung finde, ist der Fakt, dass es fast einfach so aus mir herausgeflossen ist. Das passiert mir fast nur bei King-Bpchern, wo ich kaum noch nacharbeiten muss oder an den Formulierungen feilen muss.

      Würde ES jederzeit wieder von vorne beginnen. Ein wirklich großartiges Buch, das so viel enthält, was jede Altersgruppe ansprechen könnte.

      Gefällt 1 Person

      1. Es spricht immer für die Lektüre, wenn die Besprechung sich wie von selbst schreibt. Und ja, mir geht es bei King oft auch genauso. „Es“ wird irgendwann dann bei mir auch wieder fällig sein. Ob es genau 27 Jahre nach dem letzten Mal ist, muss sich noch herausstellen. 🙂

        Gefällt 1 Person

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