[Rezension]: Sylvia Wage – Grund

Die Wahrheit irgendwo dazwischen

Auf weniger als 200 Seiten verdichtet, erzählt dieses Buch von einer schmerzhaften Familiengeschichte. Sylvia Wage hat mit „Grund“ ein Debüt abgeliefert, dass mehr als an den Nerven zerrt und nicht nur einen doppelbödigen Titel mit sich bringt, sondern auch die Geschichte selbst ist so aufgebaut. 

Am Grund eines selbstgegrabenen Brunnens liegt das Familienoberhaupt dieser Familie. Er ist mittlerweile tot, aber jahrelang wurde er von seiner mittleren Tochter (Anmerkung: Ich musste extra nochmal nachschauen, aber nie wird das Geschlecht des mittleren Kindes erwähnt, womit man es frei wählen kann, ob Mann oder Frau. Ich hatte mich gleich auf Tochter festgelegt) die im gesamten Roman namenlos bleibt, festgehalten. Doch stimmt das überhaupt? Erzählt diese Person eigentlich die Wahrheit? Und welchen Grund hätte sie zu lügen? Derlei hat sie viele, um etwas zu verbergen, was in diversen Therapiesitzungen hindurchscheint, die sie anscheinend führt. Ihre Therapeutin durchdringt die erzählte Geschichte um die von Vaters sehr harter Hand geführten Familiengeschicke immer wieder mit Kommentaren, die einen am Wahrheitsgehalt der Erzählung zweifeln lassen. Ein mehr als doppelbödiger Roman, bei dem man selbst am Ende keine zufriedenstellende Antwort bekommt, was Wahrheit und was Lüge ist. Vieles bleibt im Unklaren, im Verborgenen und selbst wenn man versucht, die Puzzleteile zusammenzufügen, kommen am Rand neue hinzu und machen dieses nahezu unlösbar.

Ein gewaltsame Familiengeschichte irgendwo

in einem Haus auf dem Hügel am Rande einer unbedeutenden Kleinstadt. So wird manches mal ein Kapitel ein oder ausgeleitet. Die unbekannte Erzählerin bringt uns nahe, dass ihr Vater am Grund eines Brunnens gestorben ist, den sie selbst vor Jahren gegraben hat, um ihn aus der Familie zu entfernen und so die Familiengeschicke in andere, positivere Bahnen zu lenken, die vorher nur von der brutalen Natur des Vaters beherrscht waren. Nach außen hin wird das so verkauft, dass er sich nach Spanien zu seiner Schwester abgesetzt hat. Doch in Wirklichkeit hat die mittlere Tochter ihren Vater im Keller in ein selbstgegrabenes Loch gesteckt und dort über Jahre versorgt. Nun ist er tot und sie holt ihre Schwestern Ellie und Thea ins Haus, um zu klären, was mit der Leiche des Vaters geschehen soll.

Doch stimmt das überhaupt alles, was da auf den Seiten steht? Zweifel sind angebracht, da selbst die Erzählerin immer wieder behauptet, notorisch zu lügen. Ist sie in Wirklichkeit in einer psychiatrischen Behandlung? Denkt sie sich das mit dem Vater währenddessen einfach nur aus, um zu überdecken, dass er einfach abgehauen ist? Wieviel Wahrheit steckt in der Geschichte und was ist alles frei erfunden?

Faszinierende Verhaltensstudie

Sylvia Wages Roman ist mir vor allem durch die Veranstaltung rund um den Blogbuster aufgefallen, bei der letztes Jahr der Siegertitel geehrt wurde. Wer noch nicht weiß, um was es da geht, hier eine kurze Erklärung. Beim Blogbuster geht es darum, dass angehenden Autorinnen und Autoren ihre Manuskripte einreichen und ein Pool aus ausgewählten Literaturbloggern diese sichten, um mit einem für sich annehmbaren Manuskript ins Rennen zu gehen. Ab da übernimmt eine Fachjury, die diese ausgewählten Texte bewertet und daraus dann das beste Manuskript bestimmt, das bei einem bestimmten Verlag erscheinen soll. In der letztjährigen Ausgabe war dieser Verlag der Eichborn Verlag und „Grund“ war der Siegertitel, der durch den Blogger Stefan Härtel mit seinem Blog BooksterHRO entdeckt wurde.

Wer meinem Blog schon eine Weile folgt, der weiß, dass ich die Bücher, die durch den Blogbuster entdeckt wurden, sehr gerne gelesen habe und dadurch schon einige gute Bücher entdecken durfte (siehe zum Beispiel hier, hier und Heike Dukens Roman „Wenn das Leben dir eine Schildkröte schenkt“, was ich bis heute leider noch nicht rezensiert habe). Auch Sylvias Roman fügt sich in diese Reihe ein. 

In diesem dichten Roman nimmt sie ein Familiengefüge genüsslich auseinander und seziert manche Situation sehr schmerzhaft. Auf der einen Seite der tyrannische Vater, der seine Kinder auch für kleinste Vergehen schlägt und sie regelmäßig misshandelt und manipuliert. Es gelten sehr strenge Regeln. Innerlich macht er seine Kinder kaputt, doch nach außen wirken sie als die perfekte Familie. Doch eines Tages ist der Vater einfach nicht mehr da. Verschwunden, vermeintlich zu seiner Schwester nach Spanien abgehauen. Doch stimmt das wirklich? Oder steckt da das mittlere Kind dahinter, das im Keller einen Brunnen gegraben hat und nur einen Grund sucht, den Vater da endlich reinzuschubsen?  Immerhin gibt die Erzählstimme zu, die dem mittleren Kind entspricht, nicht immer bei der Wahrheit zu bleiben und auch die Therapeutin, wo diese Person, deren Namen wir nicht erfahren, anscheinend sitzt, hat ihre Zweifel. Letztendlich können wir als Leserin und Leser nur versuchen, die wahrheitsgemäßen Puzzleteile zusammenzusetzen und versuchen, die Lügen mit aufzudecken. Dennoch geht es in diesem Buch um Gewalt innerhalb der Familie und was diese mit den Kindern anrichtet, insbesondere, wenn sie vom eigenen Vater ausgeht und nicht irgendeinen entfernteren Verwandten. Was passiert mit den Kindern? Wie leben diese ihr Leben als Erwachsene? Wieviel hat von der Gewalt abgefärbt? Das alles bringt die Autorin in diesem Roman wunderbar knackig zur Sprache und verdichtet das alles zu einer Art schmerzhaften Erinnerungsprozess, dem sich die Figuren ausgesetzt sehen, während sie darüber nachdenken, wie die Leiche des Vaters loswerden, was letztendlich zu einem inneren und äußeren Ernwuerungsprozess führt. 

Spannend aufgeschrieben, nervenaufreibend und mit einer ganz großen Prise Wut. Danke an Stefan, dass du diesem wunderbaren Debüt ans Tageslicht verholfen hast und danke an den Eichborn Verlag, für dieses Rezensionsexemplar. Und die Ehre zum Schuss gebührt der Autorin, die ein wahrhaft soghaftes Buch geschrieben hat. Bitte in Zukunft noch mehr davon, ich würde es sehr gerne lesen.

Weitere Besprechungen zum Buch findet ihr unter anderem bei:

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