[Projekt Stephen King]: Finderlohn + Mind Control

Finderlohn

Die Liebe zur Literatur

Das Stephen King Literatur als solches sehr wertschätzt ist ja ein offenes Geheimnis. So ist zum Beispiel die Liste der Buchtipps, die er in seiner Biographie „Das Leben und das Schreiben“ angefügt hat, eine Inspiration für jeden bibliophilen Menschen. Und da ist von U bis E- Literatur alles vertreten. Doch auch in seinen Büchern lässt er immer wieder Figuren auftreten, die als Autoren verschiedene traumatische Erfahrungen durchmachen müssen, die auch Kings eigenes Leben betrafen beziehungsweise betreffen. Sei es ein Paul Sheldon, der in die Fänge einer psychopathischen Krankenschwester gerät, ein Jack der als Hausmeister unter Alkholeinfluss dem Wahnsinn anheimfällt oder Thaddeus Beaumont der sich mit seinem selbst erschaffenen Pseudonym George Stark herumschlagen muss, das sich seinen Weg aus dem fiktiv geschaufelten Grab freischaufelt und eine mörderische Spur der Verwüstung hinterlässt. Sie alle bilden gewisse Ängste ab, die Stephen King selbst ebenfalls beschäftigt haben und er sie literarisch verarbeitet hat.

Mit Finderlohn hat er ein Buch geschrieben, dass aus vielen Poren diese Liebe zur Literatur atmet, indem diesmal das geschriebene Wort als solches als Antriebsfeder für schlimme Taten fungiert. Diese Liebe manifestiert er in zwei Protagonisten, die zwar sehr unterschiedliche Leben haben, aber wenn es um die Literatur geht, beide eine Art Sucht entwickeln, die sie letztendlich doch einander ähnlicher erscheinen lassen, als es diesen beiden Personen bewusst ist. Dabei bringt es King sogar fertig, einen Antagonisten zu erschaffen, mit dem man teilweise sogar mitfiebert, da man seinen Antrieb innerhalb der Geschichte sogar versteht. Allerdings sind die Methoden, die er dafür anwendet, um seine Ziele zu erreichen, alles andere als glorreich.

Ein Alterswerk und das Erbe

Zuvorderst geht es um Morris Bellamy, der den alternden und zurückgezogen lebenden Schriftsteller John Rothstein aufsucht, um ihn mit zwei zufällig aufgegabelten Kumpanen zu überfallen. Oberflächlich geht es nur um das Geld, was im Safe vermutet wird. Doch Morris will etwas ganz anderes, denn der Autor hat mit seinen Büchern eine Figur erschaffen, die es ihm angetan hat. Bei dem letzten offiziell erschienen Buch war er aber überhaupt nicht zufrieden mit der Art, wie sich diese Figur entwickelt hat. Also bricht er bei dem Autor ein, um weitere Manuskripte zu stehlen, die er dort vermutet. Doch dieser Überfall läuft aus dem Ruder und am Ende stehen die drei Einbrecher mit einem Haufen Geld, jeder Menge eng beschriebener Notizbüchern und einem toten Autor da. Morris will diesen Schatz aber nicht teilen, da die zwei Komplizen ahnen, dass da mehr hinter den Büchern steckt, als zunächst angenommen. Doch auch sie leben nicht mehr lange. Da Morris die Manuskripte nicht veräußern kann und diese sowieso gerne zuerst selbst lesen möchte, versteckt er das Geld und die Notizbücher unweit der Gegend in der er wohnt. Wegen eines anderen Delikts muss er dann für Jahrzehnte ins Gefängnis und kann von dort aus nur bangen, dass niemand seinen Schatz findet.
Doch genau das passiert Jahre später, als der Junge Peter Saubers den Koffer mit dem Geld und den Notizen findet und diese an sich nimmt. Das Geld kann er gut gebrauchen, da seine Familie durch den Angriff des Mercedes- Killers stark zu leiden hat (siehe: Mr.Mercedes) Auch was die Manuskripte enthalten erkennt der Junge schnell und sieht darin ein großes Potential. Doch als Morris aus dem Gefängnis entlassen wird und feststellt, dass sowohl das Geld als auch die Bücher verschwunden sind, macht dieser sich auf die Suche und landet schnell bei Peter. Es beginnt eine Jagd nach dem literarischen Schatz, den wohl nur der überlebt, der sich von der extremen Bindung zu den Büchern von Rothstein lösen kann.

Mehr eine Randnotiz im eigens erschaffenen Universum

Mit Finderlohn liegt der zweite Band der Bill Hodges- Trilogie vor. Doch wo stecken die Hauptfiguren dieser Trilogie? Und haben sie überhaupt einen Einfluss auf das Geschehen? Sie tauchen erst relativ spät auf und haben auf den eigentlichen Fall zuerst keinen allzu großen Einfluss. Vielmehr werden Verbindungen zum dritten Teil aufgebaut, indem der Mercedeskiller im Spiel gehalten wird. Aber auch zum aktuellen Fall bestehen Verknüpfungen zwischen der einen Hauptfigur Peter Saubers und dem ersten Teil der Reihe, da sein Vater bei dem Anschlag schwer verletzt wurde und immer noch mit den Verletzungen kämpft.  Somit sind Bill Hodges, Holly Gibney und Jerome keine Handlungstreiber im eigentlichen Sinne und verkommen ein bisschen zu Stichwortgebern. Das Buch hätte somit auch sehr gut als eigenständiges Werk funktioniert, in dem die Figuren aus Mr. Mercedes als Zitat und Querverweis vorkommen. Das ist eine Frage der Erwartungshaltung, die man hier irgendwie umgehen muss, denn Stephen King ist abseits dessen ein sehr starker Thriller gelungen, mit zwei Hauptfiguren, die sich in ihrer obsessiven Liebe zur Literatur beide nichts nehmen und damit die Handlung immer weiter vorantreiben. Mit Bill Hodges und Holly Gibney hat King noch andere Dinge vor und teasert durch die diverse Anspielungen den dritten Band an, der sich erneut mit dem Mercedeskiller befassen wird. Hätte es das in diesem Buch gebraucht? Nicht unbedingt, aber da es mit enthalten ist, kann man damit leben. Für die eigentliche Geschichte ist es nicht weiter von Bedeutung, wirken zwar nicht störend, hätten aber auch gerne weggelassen werden können. Insbesondere, wenn Hodges den Mercedeskiller im Krankenhaus besucht. Kommt indes die Szenerie auf Morris und Peter zurück wird es sehr intensiv und man leidet bis zu einem gewissen Grad mit beiden Figuren mit. Bis aber einer von beiden moralisch nicht mehr vertretbar handelt und somit den anderen unter enormen Druck setzt.
All das schreibt King so intensiv auf, dass man seine Hände regelrecht um die Seiten klammert. Dabei schafft er es nicht nur, die Figuren sehr stark und bildhaft zu porträtieren, sondern auch glaubhaft zu vermitteln, dass man für bestimmte Werke in der Literatur brennt, wie er es hier anhand des fiktiven Werks des ebenso fiktiven Schriftstellers Rothstein macht. Allein diese Passagen und wie er das Werk dieses Autors anschneidet lässt einen sofort mitfiebern und man wünscht sich, diese Bücher gäbe es wirklich. Dadurch macht er die Sucht verständlich, die beide Hauptfiguren antreibt. Neben dem großen Thema packt King aber auch wieder einige andere Facetten in diese Geschichte. So zum Beispiel was man den tun würde, wenn man einen Koffer voll Geld findet und es der eigenen Familie nicht so gut geht oder wie verbissen man einem Traum hinterherjagt und alle möglichen Grenzen überschreitet, um diesen zu verwirklichen.

Mind Control

Als ich mit Mr. Mercedes in die Bill Hodges – Trilogie eingestiegen bin, war mir bewusst, dass ich vor allem mit dem ersten Teil einen waschechten Thriller bekommen werde und auch im Fall des zweiten Teils bekommt man dieses Prädikat geliefert. Allerdings teasert King hier schon etwas an, was mehr nach dem Übernatürlichem riecht, was man von King eigentlich immer erwartet. Doch möchte ich das bei einem Setting wirklich haben, dass sich eigentlich sehr nach normaler Realität anfühlt? Es fühlt sich irgendwie nicht richtig an für diese Reihe und doch macht es „Spaß“ dieses Buch zu lesen. Allerdings muss man hier eine Triggerwarnung vorweg setzen, denn das Thema Suizid und die Ausführung dessen spielt innerhalb dieser Geschichte eine gewichtige Rolle und hat für mich sogar einen sehr negativen Beigeschmack, wie es teilweise umgesetzt wurde, obwohl mir bewusst ist, dass der Autor Stephen King nie im Leben so denkt wie der Antgonist in diesem Buch. Doch schauen wir mal, warum das so negativ ist und was dieses Buch daneben noch so zu bieten hat.

Telekinese und Gedankenübertragung, hatten wir das nicht alles schonmal?

Der Mercedeskiller, den Bill Hodges, Holly Gibney und Jerome im ersten Buch „Mr. Mercedes“ ausgeschaltet haben, ist immer noch am Leben. Durch Hollys beherztes Eingreifen mittels mehrerer gezielter Schläge auf den Kopf von Brady Hartsdield konnten sie einen großen Anschlag verhindern. Doch der Attentäter überlebte diese Schläge. Zwar ist er zu kaum noch etwas fähig und die Überlebenschancen wurden als gering eingestuft und doch überlebte er und konnte sich sogar soweit erholen, dass er aus dem Koma aufwachte und seine Umgebung wahrnahm, mit der Zeit sogar zu einigen Bewegungen fähig war. Alle dachten, dass das Thema vorbei wäre und dieser Mann keine Gefahr mehr darstellte. Nicht so Bill Hodges, der eine persönliche Rechnung mit Brady offen hat, da er ihn doch in den Selbstmord treiben wollte und seine damalige frische Liebe ins Jenseits beförderte. Bill Hodges hat so ein Gefühl, dass etwas nicht stimmt und er soll Recht behalten. Allerdings könnte es da schon zu spät sein, denn Brady ist mit seinem Plan, sich an Bill Hodges zu rächen schon ziemlich weit voran gekommen. Alles was er dazu brauchte, waren zwei willfährige Gehilfen, die er manipulieren konnte und eine Spielekonsole, die ihre Nutzer in bestimmten Betriebsmodi in eine Art Trance versetzt. So hat er Zugang zu ihren Gedanken, kann sich quasi in ihre Körper teleportieren und sie so zu Dingen antreiben, die sie gar nicht tun wollen, zum Beispiel einen Selbstmord begehen.

Spannungsgeladen mit Abzügen wegen dem Umgang mit einem heiklen Thema

Bei dem ersten Teil dieser Trilogie musste ich an meinen Fingernägeln kauen, so spannend war dieser Band geraten. So ähnlich erging es mir auch mit „Mind Control“, dass vor allem im Mittelteil zu Hochform aufläuft, auch wenn es ein heikles Thema anspricht, auf das ich noch zu sprechen komme. Da wirkt der schlussendliche Showdown gar nicht mehr so spannend, obwohl man es vor lauter Anspannung auch nicht aushält. Stephen King versteht es auf ein Neues, paranormale Phänomene in ein reales Setting so einzubauen, so dass man ihm diese Geschichte sofort abkauft, obwohl das Szenario nicht so recht zur Reihe um Bill Hodges passen möchte. Und doch macht es King einem leicht, ihm wie dem Rattenfänger in die hintersten Winkel dieser Geschichte zu folgen, die in der Tat so nervenzerfetzend spannend ist, dass einem teilweise Angst und Bange um den eigenen Blutdruck wird. Zum Beispiel gibt es eine bestimmte Situation in der Mitte des Buches, die King nicht sofort auflöst und man möchte nur noch schreien, dass er das jetzt nicht wirklich getan hat, was man denkt. Davon hat er wieder so einiges zu bieten, sozusagen Cliffhanger Deluxe zwischen den Kapiteln und über mehrere Kapitel hinweg.
Auch das Hauptthema der Selbstmorde was sozusagen eine Art Spezialgebiet von Brady Hartsfield in diesem Buch ist, bringt Stephen King sehr behutsam ein. Zusätzlich baut auch hilfreiche Nummern und Stellen geschickt in den Text, an die man sich in der Realität wenden kann, wenn es einem wirklich so schlecht geht, das man sich umbringen möchte (auch am Ende des Buches finden sich Hilfenummern und Stellen). Und doch bin ich nicht zufrieden, wie das Thema im weiteren Verlauf für den Spannungseinsatz benutzt wird.

Triggerwarnung Suizid: Im letzten Drittel, als Hartsfield seinen Plan endlich in die Tat umsetzt, fallen ihm einige Jugendliche zum Opfer, was an manchen Stellen doch sehr plastisch und ohne konkreten Hintergrund der Spannung wegen hinein geschrieben wird. Da sind einige Szenen dabei, die einen wirklich nahe gehen, die für mich persönlich aber nicht funktionierten. Sie kamen zu schnell und zu kurz herein. Außerdem fehlte einem der Hintergrund zu diesen einzelnen Menschen, so dass es stellenweise etwas beliebig wirkte. Auch als der Fall abgeschlossen war, wurden die Toten aus all den Suiziden mit einer Randnotiz abgetan. Das komplette Szenario, so spannend es als Fall auch war, empfand ich daher als sehr problematisch und an bestimmten Stellen mit zu wenig Fingerspitzengefühl umgesetzt. Das soll das auch an sich nicht schmälern, es sollte aber allem bewusst sein, was da beim Lesen sie einem zukommt.

Da dieses Thema wirklich ein heikles ist und auch so eine simple Besprechung Emotionen auslösen kann, die nicht mehr beherrschbar scheinen, möchte ich noch die Seite zur Seelsorge als erste Anlaufstelle teilen: klick mich!

P.S. Und auch wenn das vielleicht unangemessen erscheinen mag, möchte ich noch eine Kritik an die Übersetzung stellen, die den Titel betrifft. Ich finde es ja an sich gut, wenn man englischsprachige Werke selbst in der Übersetzung mit dem Originaltitel belässt. Was ich aber nicht verstehe, wie man einen englischsprachigen Titel für die deutsche Übersetzung mit einem anderen englischen Titel ersetzt und noch dazu einen Titel wählt, der so viel von der Spannung wegnimmt. Also entweder man übersetzt den Titel ins Deutsche oder lässt das Original. Der Autor denkt sich schon was dabei, wenn er den Titel wählt (meistens zumindest).

P.P.S. Insgesamt ist die Trilogie um den alternden Polizisten Bill Hodges mehr als gelungen. Man hält mit allen drei Büchern zumindest zweieinhalb waschechtes Thriller in den Händen. Wer also den Gedanken trägt, einmal mit Stephen King anfangen zu wollen und sich an den Horror nicht heran traut, ist mit diesen drei Büchern richtig bedient. Sie sind spannungsgeladen, gut zu lesen und entsprechen sogar höherem Ansprüchen, wenn man Finderlohn einzeln betrachtet.

Weitere Besprechungen zu diesen beiden Büchern findet ihr bei:

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