[Rezension]: Dominik Eulberg – Avichrom

Das letzte Album „Mannigfaltig“ wurde keine drei Jahre zurück veröffentlicht, da liegt mit „Avichrom“ schon die nächste Scheibe aus dem Eulbergschen Forst auf den Plattentellern der Nation. Doch kann das neue Album an den Vorgänger anschließen oder was ist diesmal anders im Vergleich? Was hat es mit dem Albumnamen auf sich? Und welche Kreationen hat sich der DJ, Ornithologe und Natursensibilisierer diesmal einfallen lassen, um die ZuhörerInnen zu begeistern? Auf all diese Fragen gehe ich in den folgenden Zeilen ein.

Doch bevor ich dies mache, muss ich noch ein paar Worte loswerden, warum auf einem Blog, der eigentlich dem Lesen verschrieben ist, nun auf einmal eine Rezension zu einem Musikalbum auftaucht? Ist denn das Lesen nicht mehr genug? Muss es nun auch Musik sein? Ja, muss es, denn ich bin auf einer Mission unterwegs. Zum einen möchte ich euch sensibilisieren. Zum einen für das Schaffen des Produzenten Dominik Eulberg, der soviel mehr ist, als nur einer, der den schnellen Beat im Sinn hat. Und zum anderen möchte ich ganz Allgemein auf gute elektronische Musik aufmerksam machen. Seit etwas mehr als zwei Jahren mache ich das schon auf dem Instagramkanal von Lesen macht glücklich, indem ich euch recht regelmäßig den Tanz ins Wochenende- Track vorstelle ( sowohl Klassiker als auch neue Tracks) und das möchte ich nun auf den Blog zurückstrahlen lassen. Natürlich soll Musik (oder auch Filme/Serien) hier kein Dauerthema sein, aber ab und zu wird es auch zu ganz besonderen Stücken einen Beitrag geben. Und Dominik macht mit seinem Album „Avichrom“ nun den Anfang, was für mich ganz besonders ist, denn wie ihr aus dem Beitrag zu deinem Buch „Mikroorgasmen überall“ (klick) wisst, ist Dominik einer meiner Lieblingsproduzenten elektronischer Musik seit er seine erste Platte veröffentlicht hat.

Die Welt ist bunt, so ist es auch die Natur und das spiegelt sich in Album wieder

Doch was bedeutet nun „Avichrom“ genau? Dieses Wort ist, wie ihr sicher gemerkt habt, ein Kunstwort, dass die ungefähre Bedeutung „Vogelfarben“ haben soll. Dominik Eulberg stellt seinen Alben ja immer einem größeren Themenkomplex voran. Waren es zum Beispiel in „Bionik“ das Thema durch Natur inspirierte Technik, ging es in „Diorama“ um erzählwürdige Naturphänomene die man in Deutschland findet und bei „Mannigfaltig“ um die Artenvielfalt der deutschen Natur und wie diese sich in Zahlen bei den Tieren widerspiegelt, so stellt „Avichrom“ den Themenkomplex der Vögel und ihre überbordende Farbenvielfalt ins Zentrum. Dabei hat Dominik Eulberg 11 Tracks zusammengestellt, die durch Vögel inspiriert sind und deren Namen alle eine Farbe beinhalten. Da bekommt das Braunkehlchen neben dem Weißstorch und der Silbermöwe oder auch dem Grauspecht und dem Gelbspötter sein musikalisches Gegenstück. Eine repräsentative Auswahl heimischer Vogelarten, wovon es natürlich noch unzählige mehr gibt. Und so zeigt er auf, wie bunt die Natur und auch die Welt ist. Als musikalisches Gegengewicht interpretiert kann man das Album auch so bestehen, wie vielfältig alles sein darf und auch sein sollte. Dies kann man auch auf uns Menschen übertragen und diese bunte Vielfalt ebenfalls zelebrieren, was gerade in den heutigen Zeiten besonders wichtig erscheint.

Zu Beginn von Dominik Eulbergs Schaffen war es so, dass er seinen Stücken direkt Geräusche untergejubelt hat, die er selber in der Natur aufgenommen hat, so macht er es seit einigen Jahren nicht mehr direkt. Er nimmt zwar immer noch im Feld auf, allerdings transkribiert er diese Geräusche in Noten und lässt seinen Technikfuhrpark daraus Musik entstehen, die er dann in seine Kompositionen einfügt. Besonders imposant ist ihm das letztes Jahr gelungen, als er zur Wahl des „Vogel des Jahres 2021“ die zehn Nominierten Vögel allesamt vertont hat. Herausgekommen sind dabei zehn sehr interessante Stücke, die von melancholisch über fröhlich bis hin zu temperamentvoll und keck ein volles Klangspektrum abdecken. Wer sich diese Synhtiebirds anhören möchte, kann dies auf der Seite des Naturschutzbundes immer noch tun (folge dem Link: Dominik Eulbergs Syhnthiebirds beim Nabu). Zwei der Vögel die dort auftauchen findet ihr auch in den elf Tracks des aktuellen Albums wieder: den Goldregenpfeifer und die Blaumeise (allerdings in einer völlig anderen Klangentsprechung) und auch sonst ist das Thema Vögel nun auf dem Album natürlich sehr präsent.

Weniger Experimente, dafür diesmal wieder tanzbarer

Doch kommen wir zum aktuellen Album „Avichrom“, das im Vergleich zum Vorgängeralbum „Mannigfaltig“ wieder eine andere Richtung einschlägt. War es bei Mannigfaltig die Vielfalt der Natur, die durch die Musik transportiert wurde und sich daraus ein Mix in den Stilen ergab beziehungsweise das Album etwas ruhiger gehalten war (zum Beispiel langsamere Tempi der Stücke, manches sehr verspielt und experimentell, melancholisch gar), so merkt man beim neuen Album das Thema Vögel von der ersten Sekunde an. So wirken die Stücke auf den neuen Album nun luftiger und klarer, sind etwas temporeicher, obwohl natürlich auch bei Avichrom langsame Titel enthalten sind und generell etwas „clubtauglicher“, wobei man bei Dominik Eulberg anmerken muss, dass er mit seiner Musik an erster Stelle sicher nicht den Club im Sinn hat, sondern die Vermittlung von Naturthemen und die Übersetzung auf künstlerische Art in Musik. Allgemein gesagt, sind die Tracks auf dem neuen Album erneut auf sehr hohem Niveau richtig gut durchkomponiert, jeder Ton sitzt am rechten Fleck und die Melancholie, die auch hier auf diesem Album enthalten ist (ich nenne es einfach mal Melancholie, obwohl viele der Stücke fröhlicher in ihrer Klangfarbe sind) und das Streben zur Natur beziehungsweise diese hellen Klänge, die diese kindliche Freude am Erleben dieser Natur bei dem Schaffen von Dominik Eulberg seit jeher widerspiegelt, ist in jeder Faser von diesem Album zu spüren. Dabei merkt man jedem Track die Freude an, die er beim Entdecken und Entfalten der Musik hatte, die jedem der elf Vogelarten eine Entsprechung zu ihrem jeweiligen Verhalten, Habitus oder ihrem Aussehen gibt.

Die Musik gibt somit den Charakter des jeweiligen Vogels wieder, aber es transportiert auch etwas, was diese Spezies gefährdet (meist durch den Menschen) oder vielleicht auch fördert. Generell merkt man den Stücken eine luftige Note an, die in jedem der 11 Tracks zu spüren ist, denn der Lebensraum der meisten Vögel ist ja zwischen Erde und Wolken zu finden. Es ist eine wieder einmal eine kindliche Freude, diese Tracks für sich selbst zu entdecken, seine eigenen Favoriten zu finden, diese immer wieder durchzuspielen und dabei vielleicht etwas beim nochmaligen hören zu erlauschen, was einem beim vorherigen Durchgang gar nicht aufgefallen ist. Da die Musik von Dominik Eulberg so reichhaltig und vielfältig aufgebaut ist, ist das selbst nach dem 20.Mal hören noch so und die Musik wird somit nie richtig langweilig. So entsteht Freude beim Hören der Musik und man lernt mit jedem Hörerlebnis die Natur besser kennen und auch die kindliche Begeisterung, die Dominik Eulberg eigenem Bekunden nach beim Entdecken der Natur spürt, überträgt sich beim Genuß dieses neuen Werks auf einen selbst. Nie habe ich so viel über Natur gelernt, wie bei Dominik Eulberg und seiner Musik. Da kann sich so mancher steife Biologieunterricht in der Schule gerne eine Scheibe davon abschneiden.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht groß auf die einzelnen Tracks eingehen, um euch nicht die Freude am eigenen Erforschen des neuen Albums zu nehmen. Ich möchte euch nur soviel verraten, dass es so vielfältig geraten ist, wie es das Thema des Albums vorgibt. Da sind rockende Technonummern dabei, ruhige Klangwelten, die einen wehmütig Richtung Wolken blicken lassen, aber auch verspielte Nuancen, die den einen oder anderen kecken Vogel darstellen. Und achtet bitte darauf, vielleicht hört ihr die eine oder andere Vogelstimme, aber in elektronische Musik übersetzt (der Storch ist dabei recht eindeutig zu vernehmen).

Wie gesagt, ich bespreche euch nicht alle Tracks einzeln, vielmehr steht hier die Einladung, euch in diese Welt vorzuwagen, sich den elektronischen Klängen hinzugeben und sich darin fallen zu lassen. Ihr werdet staunen, wie vielfältig diese Musik klingen kann, wieviel Emotionen dieses Album freisetzen kann (ja, bei mir fließen regelmäßig die Tränen, wenn ich Dominik Eulbergs Musik höre) und wie fröhlich wiederum diese Musik sein kann, obwohl viel Melancholie da drin steckt. Als Endfazit würde ich für mich ziehen, dass man mit diesem Album wieder etwas vollkommen anderes bekommt als mit dem Vorgänger „Mannigfaltig“, was ein bisschen mehr Experiment gewagt hat. Wohingegen Avichrom sich mehr in die luftigen Höhen der Vogelwelt vorwagt und dies auch die Musik wiederspiegeln lässt. Es wirkt dadurch etwas geradliniger und temporeicher und ist tortzdem genauso abwechslungsreich und erneut sehr verspielt in den Details. Die Melodien klingen frisch und klar, die Beats nie langweilig und alles hat seinen Sinn und ich freue mich schon darauf, tiefer in diese Klangwelten abzutauchen und darüber die mir noch unbekannten Vogelarten näher kennen zu lernen. „Avichrom“ ist somit ein hervorragendes Album geworden, dass diesmal vielleicht etwas tanztauglicher geworden ist und trotzdem einen Charakter besitzt, dass man es ebenso bequem auf dem Sofa genießen kann. Dabei behält es wie alle fünf Alben vorher auch die Natur weiterhin im Blick, ganz so, wie es Dominik Eulbergs Anliegen seit deinem Anfängen ist.

Anspieltipps: Grünfink, Braunkehlchen (für mich schon einer der besten. Tracks des Jahres), Purpurreiher, Romilan, Blaumeise, Gelbspötter ach mei, eiegentlich das ganze Album.

P.S. Nicht unerwähnt möchte ich natürlich noch die ganze Arbeit hinter dem Album lassen. Allen voran das Design von Natalia Luzenko sollte da hervorgehoben werden. Und ebenso die Vielfältigkeit der Möglichkeiten, wie man das Album erwerben kann, denn die ist fast genauso bunt, wie die Welt der Vögel. Denn neben den Formaten CD, Vinyl und MP3 kann man das Album auch in Form eines Spieles erwerben, dem ein Downloadcode beiliegt und so spielerisch den Zugang zur Natur und dabei speziell der Welt der Vögel ermöglicht.

P.P.S. Schon seit Diorama ist mir aufgefallen, das in mindestens einem der Tracks Geräusche enthalten sind, die einen gefühlt mitten ins Studio katapultieren. Meist klingt das, als würde man an einem Kassettendeck eine Taste drücken. Ob das von Dominik Eulberg Absicht ist? Hört mal genau hin, vielleicht findet ihr diese Geräusche auch.

Dominik Eulberg
Avichrom
!k7 Records

Tracklist:
1. Schwarzhalstaucher
2. Blaumeise
3. Purpurreiher
4. Weißstorch
5. Grünfink
6. Gelbspötter
7. Goldregenpfeiffer
8. Rotkehlchen
9. Rotmilan
10. Grauspecht
11. Silbermöwe

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