[Projekt Stephen King]: Das Monstrum – Tommyknockers

Hatten wir eigentlich schon Aliens?

In seinem bisherigen Portfolio hat Stephen King schon einige Monster auf die Bildfläche gezaubert. Waren es telepathisch begabte Mobbingopfer, Vampire, tollwütige Bernhardiner oder einfach nur das pure Böse in Form eines Clowns. Und wenn man an ES denkt, findet man auch gleichzeitig eine Überleitung zu dem neuesten Roman von Stephen King, den ich innerhalb meiner chronologischen Lesereise nun vor mir hatte, denn dieser spielt ganz in der Nähe von Derry, in dem der böse Clown Pennywise sein Unwesen getrieben hat. Es handelt sich um das Buch Tommyknockers und den darin vorkommenden Außerirdischen, die sich auf eine etwas spezielle Art und Weise einem kleinen Städtchen und ihren Einwohnern bemächtigen, was in seiner Art am ehesten an die Bodysnatchers erinnert als an brachiale Invasoren, wie man sie zum Beispiel aus  Independence Day oder anderen einschlägigen Klassikern kennt. Und auch da gibt es eine Ähnlichkeit zu Pennywise, denn auch dieses Wesen kam ursprünglich aus dem All auf die Erde.
Doch hatten wir bei Stephen King schon einmal Aliens in dieser Ausprägung und Art? Zumindest in den Romanen spielten sie noch keine Rolle und so hält man mit Das Monstrum . Tommyknockers den ersten Roman von Stephen King in den Händen, in denen Aliens vordergründig und zentral eine Rolle spielen.  

Ein folgenreicher Stolperer

Bobbi Anderson ist eine recht erfolgreiche Schriftstellerin, die sich ein Leben auf dem Land im beschaulichen Maine aufgebaut hat. Sie lebt in der Kleinstadt Haven, ganz in der Nähe von Derry (!) und eines Tages stolpert sie bei einem ihrer Spaziergänge im Wald über einen silbrig glänzenden Gegenstand. Zuerst denkt sie, dass es eine Blechdose oder etwas in der Art ist, merkt aber, dass es fest in der Erde steckt. Also fängt sie an zu buddeln.
Während dieser Zeit ist der Autor Jim Gardener auf einer Lesereise unterwegs. Bobbi und Jim sind freundschaftlich miteinander verbunden und genau der Gedanke an Bobbi hält Jim davon ab, sich einfach im Meer zu ertränken, was er nach einer tagelangen Sauftour vorhatte. Nachdem er per Anhalter nach Haven kommt, erschrickt er, wie Bobbi aussieht. Ausgezehrt und völlig mit den Nerven am Ende. Und andere Entdeckungen macht er auch. Bobbi hat ihr Haus und viele technische Geräte nur mithilfe von Batterien aufgemotzt. Wie sie das gemacht hat wirkt reichlich mysteriös, wie auch Bobbi immer mysteriöser wirkt und sogar auf einmal Gedanken zu lesen scheint.
Den Grund für diese Wandlung erfährt Jim recht schnell, denn die vermeintliche Blechdose ist mutmaßlich ein Raumschiff, eine fliegende Untertasse und auf irgendeine Weise hat es von Bobbi Besitz ergriffen und leitet sie nun an, es weiter auszugraben. Jim, verängstigt und gleichzeitig fasziniert, scheint vorerst von der unheimlichen Anziehung, ganz im Gegensatz zu den Einwohnern Havens, gesichert zu sein, da er in seinem Kopf seit seiner Kindheit durch einen Skiunfall eine Stahlplatte trägt. Letztendlich ist es vor allem die Sorge um Bobbi, die ihn an der Ausgrabung des Objekts mitmachen lässt und durch seine wiederaufflammende Trinkerei vollends dabei eingespannt wird, ohne groß Fragen an sich selbst zu stellen, ob das alles richtig ist, was er da macht.

Schwergängiger Einstieg, seltsamer Mittelteil, spannendes (aber unlogisches) Finale

Irgendwie hat mir das Buch zwar Spaß gemacht, vor allem durch das letzte Drittel, aber insgesamt war es ein seltsames Vergnügen, den dieses Buch bereitete. Der Einstieg gestaltete sich irgendwie zäh, obwohl der Fokus auf zwei der zentralen Personen liegt und diese sehr detailreich eingeführt werden. Sowohl Bobbi als auch Jim werden sehr gut charakterisiert und auf die kingtypische Art mit ihren Stärken, aber auch Macken an die Leserschaft herangeführt. Und doch braucht es eine Weile, bis man in das ganze Setting hinein findet und als man endlich warm wird mit den zwei Figuren und ihrem Tun, ihren Gedanken und was die viel vom ersten Drittel einnimmt, wird man auch schon mit dem Ort Haven und seinen Einwohnern konfrontiert, die in diesem Buch und dem weiteren Verlauf eine ebenso wichtige Rolle spielen wie Bobbi und Jim. Doch das weiß man zu diesem Zeitpunkt noch nicht und die harmonische Erzählweise ist das erste Mal so richtig gebrochen und es ist ein zu harter Schnitt, der da erfolgt, den es zu verdauen gilt.
Auch die Übersetzung spielt am Anfang eine Rolle, dass es nicht so einfach ist, in dieses Buch zu finden. Mag ich Joachim Körbers Stil zu übersetzen eigentlich sehr gerne, wird man auf den ersten 200 Seiten mit seiner Übertragung irgendwie nicht warm, was sich aber zum Glück im weiteren Verlauf der eng bedruckten, fast 700 Seiten dieser betagten Heyne- Taschenbuchausgabe legt und der gewohnt typische Körber-Stil in der Übersetzung immer mehr durchscheint.
Auch im weiteren Verlauf ergibt sich zusammen mit dem Anfang immer mehr ein harmonischeres Bild von all dem, was King hier erschaffen hat und was besonders fasziniert, ist, dass dieser Ort viel mehr mit Derry in Verbindung zu stehen scheint, als man bei der ersten Erwähnung des Ortes annehmen mochte. Auch Pennywise wird über Umwege erwähnt, wobei es zeitlich nicht ganz stimmen kann. Denn die Handlung ist im Jahr 1988 angesiedelt und wie kundige King-Leser*innen wissen, ist Pennywise vom Club der Verlierer 1985 besiegt worden – oder vermische ich da ein paar Dinge?). Ob die Tommyknockers in einer anderen Dimension unserer Erde gelandet sind? (Turmkenner würden da sofort nicken, aber Stephen King, wird das 1987, als er das Buch geschrieben hat,  wohl noch nicht so auf dem Schirm gehabt haben)
Das Ende steigert sich dann immer mehr bis hin zum überbordenden Showdown, bei dem man allerdings trotz all der Figuren, die da mitwirken, nie den Überblick verliert, was nicht unbedingt typisch für einen Kingroman ist, da er oft den Schluss zu hektisch gestaltet oder sogar völlig konträr zu dem, wohin er sein Werk eigentlich hingeführt hat. Und so gibt es ein actionreiches, blutiges Finale, in dem derjenige, von dem man es die ganze Zeit am wenigsten erwartet, groß auftrumpfen darf und den Tag (die Erde) rettet. Doch genau hier liegt auch der Hund begraben, da es einige unlogische Handlungen der Figuren gibt, bis wir an diesen Punkt gelangen und die Jims Vorgehen irgendwie nicht richtig erscheinen lassen.

Die Verbindungen nach Derry waren interessant, aber zeitlich irgendwie kurios (oder lebt Pennywise vielleicht doch noch?), die Einführung in das Buch einen Tick zu lang, dafür aber mit zwei sehr gut eingeführten Figuren und die Außerirdischen waren das gesamte Buch über nicht so richtig greifbar (positiv gesehen und dadurch richtig unheimlich), dafür aber grausam genug, dass es einen oft schauderte bei dem Gedanken daran, wie die Infiltration der Menschen von Haven vonstattengeht. Die Gimmicks an Gerätschaften, die in der Geschichte eingeführt werden, erinnern stellenweise an die Kurzgeschichte Trucks und sind in ihrer Absurdität zwar unfreiwillig komisch, aber trotzdem furchteinflößend. Alles in allem ist es ein recht unterhaltsamer und gruseliger Roman, der allerdings nicht so lange im Gedächtnis haften bleiben wird. die Geschichte mscjz vieles richtig, ist kurzweilig gestaltet und entsprechend gruselig, aber keine der Figuren will einem in Erinnerung bleiben. Es ist ein Buch für das Mittelfeld in Kings Gesamtwerk. Nicht gut genug, um weiter vorn zu landen, aber wiederrum kurzweilig genug geschrieben, damit es unterhaltsam ist. Oder kurz: Es hatte seinen Reiz und definitiv seine Momente, allerdings fehlten die richtig großen, menschlichen Ankerpunkte, um sich in diese Geschichte einfühlen zu können und sie zu etwas größeren werden zu lassen.

P.S. Und wenn man dieses Buch mit seinem direkten Vorgänger (Misery) und auch Nachfolger (Stark – The Dark Half) vergleicht, kann dieses Werk nur verlieren und dann fragt man sich doch, welcher Autor Tommyknockers geschrieben hat und wo Stephen King dann in dieser Zeit war. Denn beide anderen Werke sind diesem in vielen Belangen einfach nur überlegen.

Weitere Besprechungen zum Buch findet ihr bei:

2 Kommentare zu „[Projekt Stephen King]: Das Monstrum – Tommyknockers

Gib deinen ab

  1. Hallo Marc,
    danke für die detaillierten Einblicke! Tommyknockers gehört zu den Titeln, von denen ich zwar ganz oft lese, die für mich aber nie so richtig greifbar waren. Eine Story aus Kings Feder, in der Aliens eine so zentrale Rolle spielen, finde ich ja schon spannend. Aber nach schriftstellerischen Kriterien klingt das Ergebnis ganz schön durchwachsen und unausgereift. Andererseits überrascht mich das auch nicht so sehr: Meiner Erfahrung nach schreibt King entweder Geschichten, die richtig umhauen, oder Geschichten, die unfertig wirken. Gerade unter seinen älteren Werken finde ich letzteres recht häufig. (Auch wenn ich damit vielleicht eine Ausnahme bin, da viele Leser*innen ja den King-Horror der 80er und 90er gegenüber seinen neueren Werken bevorzugen.)

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Kathrin,

      danke für deinen schönen Kommentar. Laut King ist Tommyknockers auch einer der Romane, die er sich regelrecht „rauspressen“ musste. Ich weiß ja nicht, wie weit zu dem Zeitpunkt seine Drogen- und Alkoholsucht war oder ob er schon auf Entzug war, aber einige der Dinge im Mittelteil erscheinen einem schon wie aus einem Drogenrausch entsprungen, auch das sein Hauptcharakter Jim Gardener Alkoholiker ist, sticht hier so richtig durch, als ob er da bewusst oder unbewusst etwas zu Papier gebracht hat.

      Alles in allem ist es wahrlich kein schlechter Roman, jedoch eben mit Passagen, die wirklich sehr seltsam klingen oder zäh gestaltet sind. Sagen wir so, es ist unterhaltsam und wahrlich keine Zeitverschwendung, wenn man diesen Titel liest.

      Allerdings finde ich es wirklich krass, wie unterschiedlich die Qualitäten zum Vorgänger und auch dem Nachfolger sind, den ich aktuell lese. Bei Stark-The Dark Half geht es gleich von Anfang an zur Sache, allerdings völlig logisch aufgebaut und vor allem, wie er die Sache mit seinem Pseudonym in dieses Buch unterbringt ist richtig gut gemacht.

      Liebe Grüße
      Marc

      Gefällt mir

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