[Rezension]: Salih Jamal – Blinder Spiegel

Salih Jamal hatte mich letztes Jahr mit seinem Buch „Das perfekte Grau“ direkt an der Angel. Es war sogar das erste Buch, das ich in meinem Leseleben innerhalb eines Jahres zweimal gelesen habe und es hat trotzdem nichts von seiner Qualität eingebüßt. Nun hat er innerhalb kürzester Zeit seinen nächsten Roman vorgelegt, der erneut bei dem wunderbaren Septime Verlag erschienen ist. Doch Roman wäre eigentlich als Kategorisierung zu weit und zu kurz gegriffen zugleich. Von der Länge ist es wohl vielmehr eine Novelle und von dem, wie Salih schreibt, kann man es schon fast als lyrisch umschreiben. Doch egal, in welche Schublade man dieses Büchlein stecken mag (eine reicht nicht), es zeigt auf, wie vielseitig dieser Autor schreiben kann und dem möchte ich im Folgenden ein wenig auf den Grund gehen.

Eine folgenschwere Liebe in Paris

Diese Geschichte handelt von Lui, der sie uns auch erzählt. Er hat ein Bedürfnis, diesen einen Sommer, diese flüchtige Liebe zu Elle und ihre gemeinsame Tragik zu Papier zu bringen. Lui ist Fluglotse und kann nie lange an einem Ort bleiben. Durch eine Nahtoderfahrung in seiner Kindheit ist er ein rastloser junger Mann geworden, der nie lange an einem Fleck verweilen kann und auch schlecht Bindungen eingehen möchte, da er ja schon erfahren hat, wie schnell es vorbei sein kann. Nach verschiedenen Stationen hat es ihn nun nach Paris verschlagen. Dort lernt er durch Zufall Elle kennen, als er sie eines Tages beobachtet, wie sie in ein Café geht und er geht ihr hinterher, da er sie allein vom Anblick schon interessant findet. Der Zufall will es, dass sie sich wirklich begegnen und auch kennenlernen. Daraus entsteht eine tiefe Verbindung und Liebe, die aber trotz all der schönen Umstände flüchtig bleibt, denn so wie Luis Getriebenheit in seiner Kindheit begründet liegt, so hat auch Elle etwas aus ihrer Beziehung zu ihrer narzisstischen Mutter mit in ihr jetziges Leben übernommen. Sie, die nie Bindung und Liebe durch ihre Mutter erfahren hat, hat sich deshalb an einen Mann in eine Art und Weise gebunden, die Lui nie durchbrechen kann. Als er das herausfindet, versucht er zwar Elle aus dieser Beziehung zu befreien. Doch von Anfang ist klar, dass dieser Weg nicht zum Ziel führen wird und ein tragisches Ende nehmen muss.

Liebe, Leben, Schmerz, Einsamkeit und Poesie

Hat mich der Autor schon in „Das perfekte Grau“ mit seiner fabelhaften und sehr poetischen Sprache fasziniert, so treibt er diese in „Blinder Spiegel“ zur Perfektion. Während es mir bei seinem Vorgängerroman manchmal nicht ganz in die Erzählung passen wollte, ist diese Sprache in diesem kurzen Büchlein mehr als gerechtfertigt eingesetzt. Man schwebt wie auf einer Melodie durch dieses Buch, erst mit Schmetterlingen im Bauch, diese frische Liebe beobachtend, ob sie denn eine Chance haben wird, dann aber immer mehr schockiert darüber, was mit den beiden geschieht, wie schnell der Abgrund naht und wie das durch eben erwähnte Sprache transportiert wird. Sie ist mal lebensbejahend, als ob man lachend durch einen Sommerregen spaziert, um im nächsten Moment von einem heftigen Hagelschauer auf dem freien Feld ohne Unterschlupf erwischt zu werden und zeigt damit auch die Schattenseiten dieser unbändigen, von allen Fesseln befreite Liebe auf. Dieses Buch lässt einen definitiv nicht kalt und am Ende muss man den Schmerz und das Leid, den Lui spürt, erst einmal wieder von sich selbst abschütteln. Diese Geschichte geht wahrhaft unter die Haut und lässt einen lange nicht mehr los und das, obwohl man von Anfang weiß, dass dieses Drama in 5 Akten nicht gut ausgehen wird. Doch es ist das perfekt komponierte Wie, auf das dieses Buch zusteuert und es einen nicht mehr vergessen lässt.

Salih Jamal ist es mit „Blinder Spiegel“ gelungen ein völlig anderes Buch im Vergleich zu seinem Vorgängerroman zu schreiben. Es wirkt wie ein großer Song über die Liebe, voller Poesie, Tragik und Schmerz, mit Sätzen die man am liebsten einrahmen möchte und davon findet man auf jeder Seite mindestens einen. Dieser schmale Band lohnt auf jeden Fall, ihn mehrfach in die Hände zu nehmen, in den Passagen zu schwelgen, die vor Lebensweisheit nur so strotzen, die einen selbst zurückwerfen in die magischen Tage, als die Liebe bei einem selbst begann und diese Passagen muss jede*r auf sich selbst wirken lassen.

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