[Rezension]: Karl Marlantes – Matterhorn und Was es heißt, in den Krieg zu ziehen

Krieg ist schmutzig! Krieg heißt töten und getötet werden! 

Karl Marlantes, der seinerzeit als Offizier der Infanterie in Vietnam eingesetzt wurde, hat zwei bemerkenswerte Bücher über genau diesen Krieg geschrieben, der ihn für sein restliches Leben geprägt und nie mehr losgelassen hat. Zum einen den fiktionalen Roman „Matterhorn“, der durch mit seinen Erfahrungen, die er während dieses teils grausamen Gemetzels gemacht hat, durchsetzt ist und für den er mehr als 30 Jahre brauchte, um diesen zu Papier zu bringen. Auf der anderen Seite hat er einen Erfahrungsbericht über den Krieg selbst geschrieben. In „Was es heißt in den Krieg zu ziehen“ beschreibt er, wie er den Vietnamkrieg verarbeitet hat und unterbreitet Argumente, wie man zukünftige Generationen von Veteranen und Kriegsteilnehmern besser auf das danach und das währenddessen eines Krieges vorbereiten kann, denn eines muss man sich in so einem Fall immer vergegenwärtigen: zieht man in einen kriegerischen Konflikt kommt es meist zwangsläufig dazu, dass man andere Menschen töten muss und das kann einen für das restliche Leben traumatisieren. Beide Bücher zusammen ergeben ein interessantes Gesamtpaket, der die ganze Faszination und die ganze Abscheu, die man kriegerischen Konflikten und allem was dazu gehört, entgegenbringt in sich vereint und das man unbedingt zusammen lesen sollte, um das jeweils andere Buch zu verstehen und einordnen zu können.

„Soldaten müssen lernen, die Erfahrung des Tötens zu akzeptieren und ihre Psyche neu zusammenzusetzen. Die meisten werden mit dieser Aufgabe alleine gelassen.“

Bezwinge das Matterhorn und du bist gestählt für dein restliches Leben

„Matterhorn“ ist ein fiktionaler Roman, der auf den Erfahrungen von Karl Marlantes beruht und in dem er mit Waino Mellas sein alter Ego einführt, der als unerfahrener Offizier nach Vietnam zu seiner ihm zugeteilten Einheit, der Bravo Kompanie, in einer Zeit hinzukommt, als diese eine Bergkuppe, die den titelgebenden Namen Matterhorn von den Soldaten bekommen hat, so vorbereiten soll, dass diese gegen gegnerische Angriffe geschützt ist. Das bedeutete eine ermüdende tägliche Routine aus Verteidigungsbunker ausheben und tarnen einerseits und andererseits von den Erkundungsmärschen in den dichten Dschungel, der die Soldaten extrem ermüdet in ihr Lager zurück kehren lässt. Außerdem haben die Soldaten Probleme mit der Hygiene und leiden an Dschungelfäule und haben Probleme mit Blutegeln, dem auch der direkte Vorgesetzte von Mellas zum Opfer fällt und der ihn eigentlich in die Arbeit mit dem zu Mellas zugeteilten Zug einführen sollte.
Als die Arbeiten an den Verteidigungsanlagen auf dem Matterhorn fast abgeschlossen sind, beschließt die obere Führung, den Berg aufzugeben und die Bravo Kompanie zu einem anderen Auftrag abzuziehen, bei dem sie eigentlich eine neue Artillerie-Stellung aufbauen sollen, die sich aber zu einer Horror-Übung ausartet, bei der die Vorgesetzten der Bravo Kompanie den Auftrag geben, gewisse Checkpoints in einer vorgegebenen Zeit zu erreichen. Dummerweise ist es in dem unwegsamen Gelände unmöglich, die Zeitvorgaben einzuhalten und da die Verpflegung der Kompanie nicht so lief, wie ursprünglich geplant, hat die Kompanie keine Rationen mehr und die Soldaten ernähren sich teils nur noch von den Pflanzen, die sie im Dschungel finden und das hat teils dramatische Folgen.
Nach diesem nervenaufreibenden Einsatz wird die Bravo Kompanie als Sondereinsatzkommando eingeteilt, die in solchen Situationen eingreifen soll, wenn andere Einheiten in extreme Schwierigkeiten geraden. Dieser Fall tritt ein, als eine andere Kompanie in der Nähe des Matterhorns in Bedrängnis gerät. Mellas und seine Kameraden helfen der Kompanie heraus und erhält gleichzeitig den Auftrag, das Matterhorn und den daran angrenzenden Berg Eiger von der nordvietnamesischen Armee zurück zu erobern, was nichts anderes bedeutet, die Stellungen anzugreifen, die sie erst einige Wochen vorher selber ausgehoben haben. …

„Nichts, absolut gar nichts, schien mit der Intensität des Krieges und der in ihm gemachten Freundschaften konkurrieren zu können. Ich fühlte mich vollkommen leer […].“

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[Notiz]: Longlist. Shortlist. Alles Mist? – Gedanken zur Listengestaltung oder wie sie den gemeinen Buchkäufer beeinflusst

Jedes Jahr wieder kommt es im Frühjahr und, wie jetzt zum kommenden Herbst, eine heiße Diskussion um Nominierungen, die ganz viele Literaturblogs beschäftigen. Wer wissen will, wer auf dieser Liste steht, kann das auf der offiziellen Seite des Deutschen Buchpreises nachlesen. Die vielfältigen Diskussionen, die diese Nominierung nach sich zog, kann man zum Beispiel in … Weiterlesen [Notiz]: Longlist. Shortlist. Alles Mist? – Gedanken zur Listengestaltung oder wie sie den gemeinen Buchkäufer beeinflusst

[Rezension]: Christoph Werner – Marie Marne und das Tor zur Nacht

Schöne neue Traumwelt

Schlafen. Das wichtigste Bedürfnis des Menschen neben Trinken und Essen. Ohne Schlaf könnten wir nicht überleben. Jeder weiß, wie es sich anfühlt, wenn man mal eine Nacht durchgemacht hat und mehr als 30 Stunden auf den Beinen war – man ist körperlich und geistig vollkommen fertig und wünscht sich nur noch ein Bett, in dem man sich ausschlafen kann. In diesem Buch wird der Schlaf, den Menschen dazu nutzen ihre Gedanken ordnen und verarbeiten zu können, einem viel wichtigeren untergeordnet – der Zeit. Diese braucht man, um wichtige Dinge zu erledigen, um seinen Job zu machen, um sich in der Freizeit zu vergnügen und um nichts zu verpassen. Da kommt die Firma All Day Industries gerade recht. Diese bietet gegen ein nicht geringes Entgelt eine Möglichkeit an, den Schlaf so lange zu unterbinden, wie es für den einzelnen möglich ist. Die Risiken werden ausgeblendet und jeder, der es sich leisten kann, nutzt die Angebote der Firma. Dabei reagiert jeder Mensch unterschiedlich auf das Verfahren. Diese Unterschiede misst man mit einem sogenannten ADI- Wert, der angibt, wie lange eine Person nach einem ADI- Traum wach bleibt. Im Durchschnitt sind ein paar Tage im Wachzustand normal und alles, was in den 2- Wochenbereich hinein geht, ist überdurchschnittlich. Doch es gibt auch Menschen, die einen sehr hohen ADI- Wert aufweisen und Marie Marne ist eine davon. Bei ihr wird durch einen Zufall, denn sie darf mit 13 Jahren noch keinen ADI- Traum kaufen, ein Wert von 113 Tagen gemessen. Darauf wird Dr. Puck, der die Firma All Day Industries gegründet hat, aufmerksam und setzt einen Mann namens Mr. Phisto auf Marie Marne an, um einen teuflischen Plan in die Tat umzusetzen, der die Art und Weise, wie die Menschen ihr Leben führen, und vor allem ihren Tag/Nacht – Rhythmus für immer verändern würde.
Als Maries Vater in eine seltsame Trance fällt, die sich niemand erklären kann, hat Mr. Phisto das nötige Druckmittel in der Hand, um den Plan umzusetzen, der die Welt in Chaos stürzen kann. Marie glaubt die Geschichte von Mr. Phisto und lässt sich auf ein teuflisches Spiel ein, um ihren Vater zu retten.

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[Rezension]: Manuel Niedermeier – Durch frühen Morgennebel

Konturen sind zu erkennen, aber das Gesamtbild verschwindet hinter dichten Nebelschwaden

„Ich sehe etwas, ich drücke ab und habe das Bild. In letzter Zeit interessiert mich vor allem, wie der Mensch seine Umwelt beeinflusst. Menschen sind noch immer selten auf meinen Bildern, da hat sich seit den frühen Fotos nicht viel geändert. Die Konsequenzen ihres Handelns schon.“

Ein Buch, das, wie man es von Nebel kennt, Konturen zeigt, doch weiter dahinter dringt man nicht vor. Es bleibt diffus. Man tastet sich in die Nebelwand hinein, läuft hierhin, dahin und doch kann man nur Umrisse erkennen. Nichts Konkretes offenbart sich, alles ist irgendwie in Watte gepackt und selbst die Geräusche kommen gedämpfter ans Ohr. So erging es mir auch in diesem Roman, der mir eine konturenhafte Geschichte präsentierte und sich nicht allzu weit in Details verliert. Wenn man das Redundante mag, sich viele Dinge noch selber im Kopf zurechtlegen möchte, dann ist man in diesem Buch gut aufgehoben. Bei mir persönlich erzeugte das Buch keinen besonderen Nachklang. Es wirkte auf mich seltsam „blutleer“ (nicht im Sinne von blutigen Taten gemeint) und spannungsarm und kreiste mir zu sehr um die Personen Clemens, John und Laura, die eine tragische Geschichte miteinander verbindet und die auch im Zentrum der Geschichte steht. Alles andere wurde weitestgehend ausgeblendet oder soweit verknappt erzählt, dass irrelevant für die Geschichte ist.

Worum geht es?
Clemens wird verhört. Verhört zu dem Tod von John, den er nicht verhindert hat, als dieser sich ins Eismeer stürzte. Diese Geschichte fängt mit dem Ende an und beschreibt uns mit Clemens einen Charakter, der sich hinter der Linse seiner Kamera „versteckt“ und die Momente die ihn bewegen für später auf Bildern konserviert. So, wie er das auch bei dem Sturz von John macht, mit dem er zusammen auf einem Forschungsschiff unterwegs war und eine Kajüte mit ihm teilte. John selber ist Meeresbiologe und will mit dieser Reise neue Forschungen über Belugawale betreiben, welche er in seine wissenschaftlichen Arbeiten einfließen lassen möchte, an denen er aktuell arbeitet und die kurz vor dem Abschluss stehen. John hat ein Problem, welches er nicht mit Clemens teilen möchte. Er schläft schlecht und ist deswegen unausstehlich mit seinen Launen. Er raucht viel zu viel und wirkt sehr nachdenklich. Das hat auch Auswirkungen auf Clemens, da er durch die nächtlichen Angstattacken von John ebenfalls nicht schlafen kann wirkt er gereizt und durch das enge Zusammenleben auf dem Schiff kann man sich auch nicht aus dem Weg gehen. Irgendwann mischt Clemens John Schlafmittel in sein Essen, damit beide ruhigere Nächte haben und besser miteinander auskommen. Irgendwann gesteht Clemens gegenüber John sein tun und entschuldigt sich dafür. Trotz dieses Vertrauensbruches rücken die beiden doch etwas näher zusammen und John erzählt ihm in Rückblenden von Laura und was ihnen beiden wiederfahren ist, kurz bevor John zu dieser Forschungsreise aufgebrochen ist. Diese schicksalhafte Begegnung mit Laura und allem was damit zusammenhängt bildet das zentrale Motiv und gipfelt in dem Selbstmord von John.

„Clemens öffnete die Umhäusung einer Laterne und entzündete sie. Licht und Schatten.“

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[Rezension]: Luca di Fulvio – Der Junge der Träume schenkte

Ein Cocktail aus Wohlfühlroman und rohen Gewaltdarstellungen

Dieser Roman ist mir eher durch Zufall in den Schoß gepurzelt, als das ich ihn unbedingt hätte lesen wollen. Zu dem Zeitpunkt als ich mir das Buch kaufte, wollte ich mir einfach ein Wohlfühlbuch zu Gemüte führen. Doch bevor ich anfing zu lesen, hatte ich einige Kritiken und Besprechungen zu diesem Werk gesehen, die mich einerseits abschreckten, aber andererseits dem Buch eine weitere Ebene hinzufügten, die es interessanter werden ließen, als ich zuerst annahm. Darauf möchte ich später näher eingehen. Jedenfalls lag das Buch über ein Jahr im Schrank, bevor ich mich traute, es in die Hand zu nehmen und zu lesen. Und was soll ich sagen? Ich konnte mich diesem Sog aus Gewalt, Liebe und familiärer Wärme nicht entziehen und habe das Buch innerhalb weniger Tage ausgelesen. Es gab manche Passagen, die mir nicht gefallen haben, aber in der Summe ist es ein lesenswertes Buch über einen jungen Mann, der mit seiner Gabe die Menschen verzaubern kann. Worum geht es in diesem Buch im Allgemein? Zuallererst um die Liebe zweier Menschen, die sich immer wieder aus den Augen verlieren und doch nah beieinander sind und gegen alle Stürme, die ihnen entschlagen, gewappnet sind. Doch es mischen sich viele andere Dinge unter diese Liebesgeschichte. Da werden Entwurzlungen beschrieben. Es geht um das Leben in einer neuen, fremden Welt, um Entscheidungen und wie sie das weitere Leben beeinflussen, um Freundschaft und Verrat, um Neid und Missgunst und wie diese einen Menschen auffressen und zerstören können. Man sollte an dieser Stelle annehmen, dass es dem Ganzen zu viel wird und es ein Buch ist, in welchem vor überladenen Szenen nur so wimmelt. In gewissen Passagen ist das auch der Fall, doch in der Summe präsentiert uns di Fulvio ein waschechtes ausgewachsenes Epos um eine junge italienische Frau, die gezwungenermaßen nach Amerika auswandert und ihr Leben allen Widerständen zum Trotz gestalten kann, und deren titelgebendes Kind, der mit einer Gabe ausgestattet ist, die die Menschen träumen lässt und die ihn vor einer Karriere als Gauner des New Yorker Untergrunds bewahrt.

Dieser Roman ist zeitlich zweigeteilt aufgebaut. Der zeitlich frühere Teil spielt in einem Rahmen ab 1909. Wir lernen das Mädchen Cetta kennen, die von ihrer Mutter zu einem Krüppel gemacht wird, um einer Vergewaltigung durch den Gutsherren zu entgehen. Dieses Vorhaben gelingt der Mutter, doch eine Vergewaltigung ihrer Tochter durch einen anderen Gutsherren kann sie trotzdem doch nicht verhindern. Aus dieser Vergewaltigung entsteht Natale. Mit der Schmach der Vergewaltigung und weil Cetta ihrem Sohn ein Leben in ständiger Abhängigkeit von irgendwelchen Gutsherren ersparen und ihm ein besseres Leben ermöglichen möchte setzt sie sich in den Kopf nach Amerika zu fliehen, denn wo, wenn nicht in Amerika soll das funktionieren? Sie setzt ihren Plan in die Tat um, doch da sie kein Geld hat muss sie ihren Körper verkaufen um ihr Ziel zu erreichen, was sie demütig hinnimmt. Kaum in New York angekommen wird sie bei der Einwanderungskontrolle von einem Edelbordellbesitzer aufgenommen, der sogleich ihre Dienste in Anspruch nehmen will. Da sie sich aber weigert ihren Jungen, der bei der Einwanderungskontrolle den Namen Christmas in seinen Pass gestempelt bekam, zur Adoption freizugeben, wird sie in die Hände des skrupellos erscheinenden Sal gegeben. Der bringt sie bei einem älteren italienischen Ehepaar unter und sie darf ihren Sohn behalten. Als Prostituierte muss sie aber trotz allem arbeiten. Sie fügt sich in ihr Schicksal, welches sie zum Wohle ihres Kindes auf sich nimmt. In den nun folgenden Jahren arrangiert sie sich in ihrem Job, verliebt sich in Sal , lernt die englische Sprache und eignet sich die amerikanische Mentalität an, ohne ihre italienischen Wurzeln zu vergessen. Als das alte Ehepaar, bei dem Cetta untergekommen ist, stirbt, überlässt ihr Sal zuerst den Wohnkeller, in dem das alte Ehepaar gelebt hatte und dann, als sich ihm die Möglichkeit bietet, verschafft er ihr eine eigene Wohnung im rasant wachsenden New York. Im Wechsel dazu erleben wir den mittlerweile 13jährigen Christmas, der mit den rauen Sitten der New Yorker Straßen zurechtkommen muss. Um Stärke gegenüber anderen Gangs, die in etwa im gleichen Alter sind, zu beweisen gründet er mit Santo, seinem besten Freund, zusammen eine Straßengang namens Diamond Dogs, die es aber aufgrund verschiedener Gründe nicht über den Status Gründung hinausbringen, doch werden die Diamond Dogs in einem anderen Zusammenhang zu Berühmtheit gelangen. Das Schicksal führt den Jungen mit Ruth zusammen, die er auf der Straße gefunden hatte. Sie wurde von einem anderen Jungen namens Bill aus Neid und Missgunst (Ruth stammt aus einer reichen jüdischen Familie) vergewaltigt und verstümmelt. Christmas bringt sie in ein Krankenhaus, wo sie gut versorgt wird und die Wunden, jedenfalls die, die zu sehen sind, verheilen können. Aus diesem Ereignis heraus entsteht zwischen den beiden eine tiefe, innige Freundschaft, die unter dem Wohlwollen des Großvaters von Ruth erhalten bleibt. Als dieser stirbt, verlässt die Familie New York, um in Los Angeles ihr Leben weiter zu leben. Christmas verspricht ihr, als sie mit dem Zug den Bahnhof verlassen, dass er sie finden wird, egal wo sie ist. Weitere 5 Jahre vergehen. Christmas ist mittlerweile zu einem kleinen Straßengangster geworden und geht den harten Weg, den viele Emigranten in New York irgendwie durchlaufen müssen. Doch als er vom mächtigsten Gangsterboss New Yorks entführt wird, um Informationen aus Christmas über die Diamond Dogs herauszupressen, setzt er unter Todesangst seine Fähigkeit ein, die Menschen mit seinen Geschichten zu verzaubern und darüber hinaus zu versichern, dass die Geschichte mit den Diamond Dogs keine ernste Angelegenheit wurde. Aus dieser einen Situation heraus ändert sich das Leben von Christmas um 180°. Er findet eine Stelle als Technikassistent bei einem der großen New Yorker Radiosender, wird da zufällig entdeckt, als er heimlich eine Radiosendung einspricht, wird gefeuert und macht seinen eigenen illegalen Radiosender auf, um seine erfundenen Geschichten über die Diamond Dogs auf Sendung zu bringen. Der Rest ist dann der vielbesungene American Dream, der ihm von seiner Mutter immer wieder eingeredet wurde und der er nun träumen kann. Nur ein Mensch fehlt ihm noch zu seinem perfekten Glück und die er in all den Jahren nie vergessen hat. Jetzt macht er sich auf die Suche nach ihr…

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[Gastrezension] Bonnie Nadzam – Lamb

Nein ich bin nicht vergesslich oder nachlässig. Falls ihr euch wundert, warum ich Bonnie Nadzams „Lamb“ nun innerhalb von wenigen Wochen die zweite Besprechung widme, ist das dem Umstand geschuldet, dass ich mit diesem Beitrag den Reigen der Gastrezensionen starten möchte. Mein Dank geht an dieser Stelle an Kathrin von Phantasienreisen, der ich das Exemplar zugesandt habe und die es nun ebenfalls gelesen hat. Hier ist ihre Meinung dazu:

Die elfjährige Tommie soll eigentlich nur Zigaretten schnorren, doch was sich aus dieser kleinen Tat entwickeln soll, hätte wohl weder sie noch David Lamb, von dem sie die Zigaretten erschnorren will, erwartet. Die beiden kommen ins Gespräch und dem 54-jährigen Lamb wird schnell klar, dass Tommie zu der Art Mädchen gehört, die immer und überall nur Mittelmaß sind: Sie ist hübsch, nicht klug, nicht sportlich, nicht beliebt. Auch ihre beiden Freundinnen, die sie an diesem Tag zum Schnorren beauftragt haben, nutzen Tommie nur aus und machen sich einen Spaß aus ihr. Lamb hat Mitleid mit Tommie und überredet sie, ihren “Freundinnen” einen Streich zu spielen, indem er so tut, als würde er das Mädchen entführen. Tommie lässt sich darauf ein und obwohl dieses Erlebnis sie ängstigt, taucht sie am nächsten Tag erneut an der Stelle auf, an der sie und Lamb sich begegneten. In den folgen Tagen treffen sich die beiden häufiger, Lamb lädt sie täglich zum Essen ein und es entwickelt sich schnell eine Vertrautheit zwischen der 11-Jährigen und dem 43 Jahre älteren Mann. Nach einiger Zeit beschließen die zwei, gemeinsam zu Lambs Hütte in die Berge zu fahren. Es soll nur eine Woche werden – am Ende wird ihr Trip jedoch fast einen Monat dauern. Während dieser Zeit nähert sich Lamb, der sich gegenüber Tommie nicht mit seinem richtigen Namen, sondern als Gary vorstellt, dem kleinen Mädchen immer mehr an: Er küsst sie, schläft neben ihr, wäscht sie. Dabei manipuliert David alias Gary die 11-Jährige, indem er sich ihre Zuneigung mit Kleidung und Essen erkauft, ihr unaufhörlich Komplimente macht. Er redet ihr ein, was sie wollen soll und was nicht, verdreht ihr die Worte im Mund und macht ihr ein schlechtes Gewissen, indem er ihr prophezeit, dass sie ihn irgendwann vergessen wird. Tommie fällt blind darauf herein. Sie lässt alles über sich ergehen und fühlt sich schnell zu ihm hingezogen.

Ein Buch mit so einer Geschichte muss doch aufwühlen, es muss bewegen, oder?! Tatsächlich gehen die Meinungen der Leser zu “Lamb” weit auseinander und auch ich muss mich in die Gruppe derer einreihen, die von Bonnie Nadzams erstem Roman enttäuscht wurden.

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[Rezension]: Mirko Bonné – Nie mehr Nacht

Wie ein Mensch sich selbst verliert

„Was mir allmählich dämmerte, wusste sie längst: Das Blatt, mit dem sich alles wenden würde, war für sie zu schwer. Jesse würde es anheben müssen, das für seine Mutter zu schwer gewordene Blatt würde er in die Höhe stemmen und die Seite umschlagen. Mit ihrem Sohn begann ein neues Kapitel.“

„Nie mehr Nacht“ ist mir durch den ganzen Trubel um den deutschen Buchpreis 2013 und die Nominierung für die Shortlist zuerst unter die Augen gekommen. Doch erst durch die Aktion „5lesen20“, die von Mara von buzzaldrins ins Leben gerufen wurde, macht mir das Buch schmackhaft. Durch die vielen Besprechungen, die ich letzten Herbst gelesen habe, setzte ich mir dieses Buch auf den Wunschzettel zu Weihnachten und nun habe ich es endlich als letztes meiner Buchgeschenke fertig gelesen (Ende Mai war das). Ein sehr interessantes Buch, welches etwas düstereren Gedanken nachhängt, was, wie man es in vielen Besprechungen zur Shortlist entnehmen konnte, ein zentrales Thema des Buchpreises 2013 war. Auch wenn ich das Gewinnerbuch von Teresa Mora noch nicht gelesen habe, so kann ich aufgrund der Konzeption von diesem Buch verstehen, warum Mirko Bonné letztendlich nicht gewonnen hat. Insgesamt ist es ein Buch geworden, welches mit einer lockeren Sprache, das Thema Sterben und den Umgang der Hinterbliebenen mit dem Tod einer wichtigen Person aus dem Verwandten und Bekanntenkreis auf einer Stufe vermittelt, dass man es versteht und trotz allem den Menschen, die sich durch tragische Ereignisse selbst verlieren, nicht näher kommt.

„Wer hasste, kämpfte im Stillen mit einem Widersacher, den er sich einverleibt hatte. Da ich aber kämpfte, ja mich nicht mal mit jemandem maß, sondern jedem Kräftemessen aus dem Weg ging, trug ich auch keinem etwas nach, grollte niemandem und hasste keine Menschenseele außer manchmal vielleicht mich selbst für mein ewiges Verdrängen.“

Markus Lee hat seine Schwester Ira verloren. Sie hat sich in Ihrer eigenen Garage mit den Abgasen ihres Autos umgebracht, weil sie mit dem Leben, dass sie führte nicht zurecht kam. Sie die rastlose, die auf der ganzen Welt nach Antworten gesucht und nie gefunden hat, wie sie ihr Leben zu führen hat. Mit Jesse hinterlässt sie ein Kind im Teenageralter, um das sich die Eltern von Ira und Markus kümmern. Sie haben ihr eigenes Haus verkauft, und sind in das Haus gezogen, in dem Ira mit ihrem Sohn gelebt hat, um Jesse durch einen Ortswechsel nicht noch mehr zu verunsichern. Markus bekommt durch seine Arbeit als Zeichner von Kevin Brennicke – ein ehemaliger Schulfreund von ihm – einen Auftrag, für sein Magazin Zeichnungen von Brücken in der Normandie anzufertigen, die während der Invasion der Alliierten im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle spielten. Diese Gelegenheit wird dazu genutzt, dass Markus mit seinem Neffen in die Normandie fährt, da zur selben Zeit, in der Markus seinen Auftrag abarbeiten soll, Niels Jul – der beste Freund von Jesse – mit seiner Familie übernachtet. Mit dieser Ferienreise sollen gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden, denn Markus hat eine Übernachtungsmöglichkeit, Jesse ist für ein paar Tage abgelenkt und kann etwas mit seinem Onkel unternehmen, da die beiden noch nie viel miteinander verbunden hat. Diese nicht vorhandene Bindung zwischen wird schon während der Anfahrt in die Normandie offen gelegt, als es zu mehreren Streitereien und Sticheleien zwischen den beiden kommt. Als die beiden angekommen sind, beziehen Markus und Jesse ihre Zimmer in dem Hotel, dass die Eltern von Niels für eine bestimmte Zeit betreuen. Während der ersten Tage in der Normandie vergräbt sich Markus immer mehr in seine Arbeit, doch sie will ihm nicht so recht gelingen. Immer wieder driften seine Gedanken entweder zu irgendwelchen imaginären Kampfhandlungen aus dem 2.Weltkrieg ab oder zu dem Tod seiner Schwester. Er verliert sich zusehends in sich selbst und kapselt sich immer mehr von seiner Umwelt ab. Als die Juls ihre Zelte in dem Hotel abbrechen und Jesse wieder mit nach Hamburg zurück nehmen, ist die Zeit für Markus gekommen, alle Zelte hinter sich abzubrechen und ein Leben in der Einsamkeit in dem Hotel in der Normandie zu führen, um seine Gedanken zu ordnen, was und wohin er überhaupt will. Doch er entgleitet sich immer mehr, Besitztum wird für ihn zu einem Graus und er stößt alles ab, was er je sein eigen genannt hat. Biegt er in einen Weg ein, der dasselbe Schicksal für ihn auserkoren hat, wie für seine Schwester? Gibt es noch Rettung für ihn? Und wer ist diese mysteriöse Frau auf dem Foto, die er bei einem Einkauf an einer Kasse gesehen hat und die seiner Schwester zum verwechseln ähnlich sieht?

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[Rezension]: Wolf S. Dietrich – Fische lügen nicht

Ein Krimi mit landschaftlichen Schwärmereien
Vor 3 Jahren, bei einem Urlaub im Harz, hatte ich mir ein Buch gekauft, welches regional behaftet war. Den Harz betreffend fiel mir sofort ein schön gestaltetes Sagenbuch auf und dieses Thema passt ja zum Harz, wie die Faust auf das Auge. Vielleicht stelle ich das bei Gelegenheit auch mal auf dieser Seite vor. Was hat das nun mit diesem Buch zu tun? Ganz einfach: Seitdem habe ich mir vorgenommen mir an jedem Urlaubsort beziehungsweise in jeder Region, in der ich mich erholend aufhalte, ein Buch zu kaufen, dessen Handlung in diesen Gefilden spielt oder das einen regionalen Bezug hat. Letztes Jahr habe ich an der Müritz Urlaub gemacht und da ist mir beim Besuch im lokalen Buchladen sofort dieser Titel aufgefallen. Da ich im Laufe der Monate nicht dazu kam, dieses Buch zu lesen, habe ich mir weiterhin vorgenommen, die Bücher, die ich in dem einen Urlaub gekauft habe, im nächsten Urlaub zu lesen. Somit kann ich euch nun diesen lockerleichten Krimi, der in der Müritzregion spielt, vorstellen.
Wolf S. Dietrich lebt in Göttingen und hat, wenn man das Buch von ganz hinten aufschlägt, eine passable Anzahl an Kriminalromanen verfasst, die meist in seiner Heimatregion spielen, aber auch andere Ortschaften einschließen. So auch die Müritz. In diese Region hat sich Wolf S. Dietrich nach eigenen Aussagen dermaßen verguckt, dass er sie in einem Roman würdigen wollte. Das ist ihm, was die landschaftlichen Aspekte betrifft, besonders gut gelungen, da ich nach einem Jahr sofort die Region und ihre besondere Beschaffenheit alleine durch seine Beschreibungen wieder vor Augen hatte. Doch bevor ich euch meine Meinung weiterreichen möchte, soll eine kurze Inhaltsangabe erfolgen.
Hanna Wolf, von Beruf Hauptkommissarin in Hessen, macht in der Müritzregion mit ihrem Freund Jonas Urlaub. Eigentlich möchte sie sich erholen und von den Strapazen ihres Alltags etwas Abstand gewinnen. Doch schon am Tag ihrer Ankunft, als sie im Restaurant etwas essen wollen, ist es vorbei mit der Erholung und die Ermittlungsinstinkte sind wieder voll da. Was ist passiert? In der Küche des Hotels, in der Hanna Urlaub macht, hat der Koch bei der Zubereitung eines frisch gefangenen Fisches einen makabren Fund im Innenleben des Fisches gemacht – ein abgeschnittenes, menschliches Ohr. Sofort treten die Fragen auf, zu wem dieses Ohr gehört und wo der Rest dieses Menschen ist. Die Ermittlerin nimmt sich dieser Sache diskret an und wendet sich an die ortsansässige Polizei und gerät dabei an einen etwas, sagen wir mal bequemen, Kollegen. Doch bald nimmt die Geschichte Ausmaße an, die das Leben von Hanna, ihrem Freund und auch des freundlichen Kollegen von der Müritz bedroht, denn im Hintergrund spinnt eine Geheimorganisation ihre Fäden, die unter allen Umständen diesen Fall geheim halten und alle, die an einer Auflösung interessiert sind, zum Schweigen bringen möchte. Als dann noch ein Redakteur einer Zeitung aus Waren entführt wird, der ebenfalls in diesen Fall involviert und ein Freund von Jonas ist, läuft die Sache vollends aus dem Ruder. Dass die Lösung des Falls gar nicht in der Gegenwart liegt, sondern in der DDR- Vergangenheit der Region zu suchen ist, macht die Rettung des Redakteurs nicht einfacher. Als der Tote gefunden wird, dem das Ohr aus dem Fischmagen zugeordnet werden kann, und dessen Identität geklärt ist fallen die Puzzlesteine nach und nach zusammen und ergeben ein Gesamtbild über ein erschreckendes Einzelschicksal aus DDR- Zeiten.

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[Rezension]: Julia Heilmann und Thomas Lindemann – Alle Eltern können schlafen lernen

Über Erziehungssprüche und wie sie einen in dem alltäglichen Umgang mit den eigenen Kindern behindern

„Aber hat irgendjemand gesagt, dass es leicht wird, Kinder zu haben? Nein. Na also. Der schwierige Weg macht außerdem glücklicher.“

Wer selber Kinder hat oder sich an seine eigene Kindheit erinnern kann, wird Sprüche kennen wie ‚Es wird erst aufgestanden, wenn du aufgegessen hast‘, ‚Wenn du im Dunkeln liest, bekommst du schlechte Augen‘ oder ‚Es wird gegessen was auf den Tisch kommt. Verfeinert werden solche Erziehungshilfen mit Allgemeinsätzen wie Kinder brauchen Grenzen oder Das verwächst sich. Sprüche die sich eingebrannt haben in die Köpfe der Kinder und die diese als Erwachsene an ihre eigenen Kinder weitergeben,. Das merke ich in bestimmten Situationen auch bei meinem Kind, indem ich ansetzen will und solche Sätze sagen möchte, einfach, weil einem in dem Moment nichts besseres einfällt. Meist kann ich mich im letzten Moment bändigen und solche Sprüche nicht von mir geben. Julia Heilmann und Thomas Lindemann sind selbst Eltern von 3 Kindern (2, nach eigenen Aussagen, sehr lebendige Söhne – 5 und 7 – und eine, zum Zeitpunkt des Buchschreibens, 1 jährige Tochter). Sie haben aus ihren Erfahrungen heraus ein Buch geschrieben, in dem sie sich die bekanntesten Sprüche vorknöpfen und auf ihren wahren Kern hin untersuchen, was zuweilen einer sehr amüsanten Feldstudie im eigenen Familienleben gleichkommt. Sie haben beide mit „Kinderkacke: Das ehrliche Elternbuch“ und „Babybeschiss: Wie Eltern über den Wickeltisch gezogen werden“ schon zwei, teils sehr erfolgreiche Bücher herausgebracht, in dem sie, wenn man nach den Titeln geht, aller Wahrscheinlichkeit kein Blatt vor den Mund nehmen.
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[Notiz]: Ein Prosit – Ein Jahr geht schnell vorbei

Nun ist es endlich soweit: „Lesen macht glücklich“ wird ein Jahr alt. Vor genau einem Jahr habe ich den ersten Beitrag zu Paul Austers New York Trilogie veröffentlicht. Das muss natürlich gefeiert werden und wie man das von einem Blog über Bücher erwarten kann, wird das mit Büchern gefeiert. Doch zuvor geht an dieser Stelle … Weiterlesen [Notiz]: Ein Prosit – Ein Jahr geht schnell vorbei